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Dienstag, 06. Juni 2023

Wer bin ich? Bin ich wer?

Die Kulturpolitik und ich: zwei Anekdoten und ein paar Thesen.
Zuletzt geändert am 6. Juni 2023
Alles neu macht der Mai!
"Eine andere Zukunft des Kulturbetriebs ist möglich."

Ich samm­le Geschich­ten. Geschich­ten von Men­schen. Lebens­ge­schich­ten. Auto­bio­gra­fi­sche Skiz­zen. Mate­ri­al, das davon erzählt, wie sich die eine oder der ande­re im Leben, in sei­ner Umge­bung, in unse­rer Welt zurecht­fin­det. Davon, wie jun­ge Men­schen Diver­si­tät erle­ben, wie älte­re Soli­da­ri­tät und Respekt erfah­ren oder ver­mis­sen. Geschich­ten also, die Ver­gan­ge­nes mit Blick auf Zukünf­ti­ges in der Gegen­wart ver­or­ten. Geschich­ten der Gegen­wart eben.

Das ist eine schö­ne und gro­ße Auf­ga­be. Ver­ant­wor­tung­voll. Krea­tiv. Und kom­plex oben­drein. Zumal es ja längst nicht das Ein­zi­ge ist, was ich tue. Ich samm­le Geschich­ten, ja. Aber ich mache auch den Abwasch, gehe zur Post und zum Steu­er­be­ra­ter. Ich schrei­be. Ich ver­le­ge. Ich publi­zie­re. Ich ver­an­stal­te. Ich pro­du­zie­re. Ich archi­vie­re. Ich neh­me teil. Ich rei­se an. Ich brin­ge ein. Ich tei­le aus. Kurz: ich betrei­be einen Kul­tur­be­trieb, das Blink­licht Media Lab. (Einen Kul­tur­be­trieb, um auch das zu erwäh­nen, der im Zuge der Pan­de­mie sei­ne Mit­ar­bei­ter und sein Zen­trum ver­lo­ren hat.) Ich betrei­be einen Kul­tur­be­trieb, des­sen Wer­ke irgend­wo im Span­nungs­feld von Kunst und Kul­tur, Bil­dung und Migra­ti­on, Wirt­schaft und Poli­tik zu ver­or­ten sind und schlecht in eine Schub­la­de passen.

Aber gut: Von Odo Mar­quart wis­sen wir ja, dass Leben – und damit auch Kul­tur­le­ben – dort statt­fin­det, wo etwas dazwi­schen kommt. Wir Men­schen sei­en stets mehr unse­re Zufäl­le als unse­re Leis­tun­gen. Wir sei­en also immer unse­re Geschich­ten und unse­re Geschich­ten sind immer Hand­lungs-Wider­fahr­nis-Gemi­sche. Wir sind also nicht bloß Akteu­re son­dern haben es immer mit Kon­tin­gen­zen zu tun, mit Wider­fahr­nis­sen. Und damit wir auch wirk­lich ver­ste­hen, was er meint, ruft uns Mar­quard noch Odys­seus und das Rot­käpp­chen ins Gedächt­nis: Wäre jener ohne Zwi­schen­fäl­le schnell nach Hau­se gekom­men oder hät­te jenes die Groß­mutter wol­f­los besucht – so wären das eigent­lich kei­ne Geschich­ten gewesen.

In die­sem Sinn bedeu­tet etwas mit Kul­tur machen, dann auch, den Wöl­fen ins Auge zu schau­en, sich sol­chen Wider­fahr­nis­sen gegen­über zu sehen, also müh­sam Doku­men­te zu gene­rie­ren, Geneh­mi­gun­gen und Bestä­ti­gun­gen ein­zu­ho­len, Inte­gri­täts- und Lega­li­täts­klau­seln zu stu­die­ren oder auch hin und wie­der Stem­pel­mar­ken zu kle­ben, um irgend­wann her­nach viel­leicht Kul­tur schaf­fen zu können. 

Um das an einem aktu­el­len Bei­spiel kon­kret zu machen:

Mein Plan: ein in Eigen­in­itia­ti­ve ent­wi­ckel­tes und einer Lan­des­haupt­stadt zur part­ner­schaft­li­chen Umset­zung vor­ge­schla­ge­nes Pro­jekt der Rea­li­sie­rung näher zu bringen. 

Das Wider­fahr­nis: ich muss mich erst ein­mal als „Auf­trag­neh­mer“ wür­dig erwei­sen, muss also einen Schip­pel wei­te­rer Vor­leis­tun­gen erbrin­gen. Und damit ich auch ja nichts ver­ges­se, wird mir zu die­sem Behu­fe beim Ter­min mit der zustän­di­gen Abtei­lung ein Din-A-4-Blatt überreicht. 

Titel: LIS­TE DER FÜR DIE EIG­NUNGS­PRÜ­FUNG ERFOR­DER­LI­CHEN NACHWEISE.

Dem­zu­fol­ge habe ich ein Dut­zend Doku­men­te bei­zu­brin­gen, bevor über­haupt an wei­ter­füh­ren­de Gesprä­che über Inhal­te, Struk­tu­ren oder Finan­zie­rung des Pro­jekts zu den­ken wäre. Und zwar:

1. Fir­men­buch­aus­zug

2. Gewer­be­schein

3. Die letzt­gül­ti­ge Kon­to­be­stä­ti­gung bzw. Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung des zustän­di­gen Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­gers (nicht älter als 6 Monate)

4. Die letzt­gül­ti­ge Rück­stand­be­schei­ni­gung gemäß § 229a der Bun­des­ab­ga­ben­ord­nung (nicht älter als 6 Monate).

5. Unbe­denk­lich­keits­be­schei­ni­gung der Stadthauptkasse

6. Straf­re­gis­ter­aus­zug

7. Ver­bands­re­gis­ter­aus­zug Wirt­schafts- & Kor­rup­ti­ons­staats­an­walt­schaft) Kos­ten­punkt: € 63,00

8. Finanz­nach­wei­se – vul­go: Bonitätsauskunft

9. Aus­zug aus der Insolvenzdatei 

10. Ent­schei­dun­gen des Kar­tell­ge­richts / Screenshot 

11. Ange­bots­form­blatt

12. Inte­gri­täts- und Legalitätsklausel

Soviel in aller Kür­ze zu den Wider­fahr­nis­sen, zu den Wöl­fen, die einem beim Kul­tur­schaf­fen vom geplan­ten Weg abbrin­gen können.

fishbowl angewandte

Jetzt noch eine Anek­do­te zum The­ma Kulturerbe:

Der Bund, so war ver­gan­ge­nen Novem­ber den Zei­tun­gen zu ent­neh­men, stel­le eine neue För­der­schie­ne „kul­tur digi­tal“ vor und hal­te 15 Mil­lio­nen Euro für Digi­ta­li­sie­rung im Kul­tur­be­reich bereit. Die­se „Digi­ta­li­sie­rungs­of­fen­si­ve Kul­tur­er­be“ för­de­re die digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on des Kunst- und Kul­tur­sek­tors. Der Schwer­punkt lie­ge auf der digi­ta­len Siche­rung von Samm­lungs­ob­jek­ten bzw. im Auf­bau von Online-Sammlungen. 

Mehr habe ich nicht gebraucht: seit Jah­ren über­le­ge ich, wie unse­re „Archiv und Geschich­ten der Gegen­wart“ genann­te Samm­lung von mitt­ler­wei­le etwa 5.000 hand­schrift­lich ver­fass­ten auto­bio­gra­fi­schen Skiz­zen der­einst digi­tal zu sichern und damit auch der Öffent­lich­keit zugäng­lich gemacht wer­den kann. In die­sem Kon­text rele­vant ist auch die Fra­ge, wie so ein Schritt zu finan­zie­ren wäre. Und nun dies: „Ziel des För­der­proramms ist, das kul­tu­rel­le Erbe Öster­reichs mit Hil­fe digi­ta­ler Tech­no­lo­gie“ zu sichern und noch bes­ser nutz­bar zu machen. 85% För­der­quo­te, 15% Eigen­leis­tung. Bin­go! Den­ke ich mir. 

Ich beschrei­be also aus­führ­lich die „kul­tu­rel­le Bedeu­tung“ mei­nes Betrie­bes – anfor­de­rungs­ge­mäß sowohl im regio­na­len als auch im über­re­gio­na­len Kon­text sowie „in der öster­rei­chischn Kul­tur­land­schaft“. Ich che­cke mein Vor­ha­ben auf „die Grund­wer­te des Fair­ness-Codex (Respekt, Nach­hal­tig­keit, Viel­falt, Trans­pa­renz)“. Ich küm­me­re mich um „equal pay and oppor­tu­ni­ties“. Ich kal­ku­lie­re jeden Pos­ten auf Basis „Fair Pay“ und über­le­ge ins­ge­heim, wie ich die 15% Eigen­leis­tung unauf­fäl­lig durch Sel­b­aus­beu­tung ein­brin­gen kann.

Gute zwei Wochen inves­tie­re ich inten­siv in die Aus­ar­bei­tung des Antrags. Ich tele­fo­nie­re, ich recher­chie­re, ich ler­ne, ich ste­cke ein beträcht­li­ches Stück Zeit in die­ses Pro­jekt – wie immer gra­tis, auf eige­ne Kos­ten und eige­nes Risiko!

Und was kommt nach drei Mona­ten zurück: eine schnö­de eMail, im Anhang ein pdf: „Nach ein­ge­hen­der Prü­fung darf Ihnen mit­ge­teilt wer­den, dass das Pro­jekt lei­der nicht für eine För­de­rung im Rah­men der Aus­schrei­bung ‚Kul­tur­er­be digi­tal‘ emp­foh­len wurde.“

Kei­ne Begrün­dung, kein Argu­ment, nichts Nach­voll­zieh­ba­res. Ich erlau­be mir, per Mail nach­zu­fra­gen und wer­de nun zwar tele­fo­nisch beaus­kunftet – aber immer mit dem deut­li­chen Hin­weis, schrift­lich mache man dies­falls gar nichts. Alle Doku­men­te zu die­sem Fall wür­den ver­ak­tet und sei­en her­nach exklu­siv für Kon­troll­orga­ne ein­seh­bar – für die För­der­kon­trol­le, für die Buch­hal­tung, für den Rech­nungs­hof. Und, nein, es sei auch nicht mög­lich, die nament­li­che Zusam­men­set­zung der Jury öffent­lich zu machen. Nein, auch die Lis­te der geför­der­ten bzw der abge­lehn­ten Pro­jek­te sei nicht öffent­lich ein­seh­bar. War­um? Aus daten­recht­li­chen Gründen!

Trans­pa­renz? Schmanzparenz!

Dürf­te ich dann bit­te fern­münd­lich den Grund der Ableh­nung erfah­ren: Klar, das Pro­jekt hat in der Bewer­tung der Jury nicht die nöti­ge Punk­te­zahl erreicht. War­um? Ganz wesent­lich sei dabei der Umstand, dass es sich bei unse­rem Archiv um „Erzeug­nis­se der Gegen­warts­kul­tur“ hand­le und in Hin­blick auf deren his­to­ri­schen Wert „nicht ersicht­lich ist, war­um man das jetzt för­dern soll­te: das Pro­jekt könn­te auf die nächs­ten 100 Jah­re span­nend sein, aber der­zeit sieht die Jury kei­ne Dring­lich­keit.“ Zumal beim Begriff Kul­tur­er­be „ja immer auch der restau­ra­to­ri­sche Hin­ter­grund­ge­dan­ke wesent­lich“ sei, wie mir mit­ge­teilt wird: Geför­dert wür­den haupt­säch­lich his­to­ri­sche Samm­lun­gen, sol­che also, bei denen etwa ver­wit­te­rungs­be­dingt Gefahr droht und daher Jetzt­zu­stän­de fest­zu­hal­ten sind.

Wumm! Davon war in der Aus­schrei­bung nun wirk­lich nicht die Rede!

Aber bit­te: was ler­ne ICH eigent­lich aus die­sen Anekdoten?

1. Kul­tur­er­be ist ins­be­son­de­re das, was im Ide­al­fall schon ein bissl kaputt und mit viel Geld spek­ta­ku­lär zu ret­ten ist (Stich­wort: Großmuseendenken).

2. Wo das Digi­ta­li­sie­ren bereits als Stra­te­gie durch­geht, hat Kul­tur­po­li­tik ihren Namen nicht verdient. 

3. Kul­tur­ar­beit sieht sich trotz gegen­tei­li­ger Behaup­tun­gen immer wie­der mit einem dich­ten Schlei­er der Intrans­pa­renz konfrontiert.

4. Das Ver­hält­nis zwi­schen Kul­tur­ar­beit und Kul­tur­po­li­tik ist bei aller Dif­fe­ren­zie­rung mas­siv von Schub­la­den­den­ken getrübt. 

5. Die immer wei­te­re Aus­dif­fe­ren­zie­rung von För­der­kri­te­ri­en führt zu wei­te­ren Aus­schlüs­sen und zu eini­gem Bla­bla (Fair­ness-Bekennt­nis­se etc).

Und schließ­lich 6.:

Eine Kul­tur­po­li­tik, die die Ein­stel­lung der ältes­ten Zei­tung der Welt zur stra­te­gi­schen Groß­tat umdeutet; 

eine Kul­tur­po­li­tik, die kei­ne belast­ba­re Posi­ti­on zum Lei­den und Ster­ben an den euro­päi­schen Außen­gren­zen und im Mit­tel­meer for­mu­lie­ren kann;

eine Kul­tur­po­li­tik, die nicht enga­giert und mas­siv auf das Gegen­wart genann­te Desas­ter (Kli­ma­ka­ta­stro­phe, Pan­de­mie, Krieg) reagiert;

eine sol­che Kul­tur­po­li­tik wird – so steht zu befürch­ten – auch nach die­sem Mai fest im Ges­tern ver­haf­tet blei­ben, also ihrer Erneue­rung noch eine Wei­le har­ren müssen.

Vor­ge­tra­gen beim Sym­po­si­um „Alles neu macht der Mai! Zukunfts­werk­statt zur Kon­zep­ti­on einer neu­en Kul­tur­po­li­tik“ www​.die​an​ge​wand​te​.at 20230523
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