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Freitag, 29. Januar 2021

Über die Herabwürdigung mancher Leben

Zuletzt geändert am 11. Dezember 2023
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Ich glau­be, dass „hin­sicht­lich des Kom­pas­ses unse­rer Anlie­gen und unse­res Mit­ge­fühls die Mensch­heit als gan­ze kein zu wei­ter Hori­zont“ (Kwa­me Antho­ny Appiah) ist. Das unte­re Maß, das wir dies­be­züg­lich anle­gen müs­sen, hat die als Kind aus Litau­en geflüch­te­te US-ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phin Judith Shklar so gesetzt: Grau­sam­keit ist das Schlimms­te was wir ein­an­der antun kön­nen, das Schlimms­te was uns wider­fah­ren kann. „Es gibt nichts, was Grau­sam­keit und Ernied­ri­gung wett­ma­chen könnte.“

Allein des­halb dür­fen wir Frem­de also nicht wie Fein­de behan­deln. Ganz im Gegen­teil: wir müs­sen Teil­ha­be für alle ermög­li­chen. Wir müs­sen Wahl‑, Bür­ger- und Staats­bür­ger­schafts­rech­te eben­so neu fas­sen wie die Rechts­grund­la­gen für Migra­ti­on, Zuwan­de­rung und Asyl. Doch bis wir all das geschafft haben, wird Zeit ver­ge­hen. Viel Zeit ver­mut­lich. Und des­halb braucht es jetzt ein Hier­blei­be­recht: wir müs­sen allen Men­schen, die seit drei Jah­ren bei und mit uns leben, eine Per­spek­ti­ve geben. Wir dür­fen sie nicht län­ger im Lim­bo hän­gen las­sen. Im Übri­gen bin ich davon über­zeugt, dass wir die grund­le­gen­de Idee und die viel­fäl­ti­gen Kon­zep­tio­nen der Gast­freund­schaft dis­ku­tie­ren, in der Pra­xis aus­bau­en, pro­pa­gie­ren müs­sen – mit der Per­spek­ti­ve, sie womög­lich von der Aura der Groß­zü­gig­keit, des Gna­den­ak­tes zu befrei­en und sie als ein jedem zuste­hen­des Recht auf Gast­freund­schaft zu institutionalisieren.

Gera­de jetzt, in den Zei­ten der Pan­de­mie, wird allent­hal­ben über den Wert der Leben im Ein­zel­nen und des Lebens im All­ge­mei­nen phi­lo­so­phiert und geur­teilt. Und ein­mal mehr zeigt sich da, was ohne­hin immer zu ver­mu­ten ist – die Kluft zwi­schen Anspruch und Rea­li­tät ist unfass­bar groß. Hier die Theo­rie der­zu­fol­ge der Wert des ein­zel­nen (Über-)Lebens heu­te mit einem welt­wei­ten Shut­down und der dar­aus resul­tie­ren­den Welt­wirt­schafts­kri­se auf­ge­wo­gen wird. Und dort die Pra­xis der Grau­sam­keit mit der die Leben etwa in Moria und all den ande­ren Flücht­lings­la­gern geop­fert wer­den. Müss­ten nicht eigent­lich, frag­te der Sozio­lo­ge Ste­phan Les­se­nich in einem Text über die „Coro­ni­fi­zie­rung des Poli­ti­schen“ (SZ), „die Men­schen in den Flücht­lings­la­gern an der euro­päi­schen Peri­phe­rie ganz vor­ne ran­gie­ren auf der sozi­al­po­li­ti­schen Prio­ri­tä­ten­ska­la?“ Sein Schluß: „Ver­wund­bar ist, wer zu uns gehört“.

Ganz offen­kun­dig sind eben doch nicht alle Men­schen­le­ben gleich viel wert. Wäh­rend sich in Deutsch­land vie­le Dut­zend und auch in Öster­reich zahl­rei­che Gemein­den und Lokal­po­li­ti­ke­rin­nen bereit erklärt haben, Men­schen und ins­be­son­de­re unbe­glei­te­te Kin­der aus die­sen Lagern auf­zu­neh­men und zu ver­sor­gen, tor­pe­die­ren staats­tra­gen­de Par­tei­en und deren Staats­män­ner all die­se Bemü­hun­gen. Und zwar auf Basis eis­kal­ter Kalkulation.

„Jeder Spalt und erst recht jeder Wider­spruch zwi­schen der Wert­schät­zung des Lebens im All­ge­mei­nen und der Her­ab­wür­di­gung man­cher Leben im Beson­de­ren ist für eine mora­li­sche Öko­no­mie des Lebens in den Gesell­schaf­ten der Gegen­wart von Bedeu­tung“, ermahnt uns Didier Fas­sin über „die Fra­ge der unglei­chen Leben nach­zu­den­ken“. Zwar mache das Auf­de­cken der Wider­sprü­che, von denen die mora­li­sche Öko­no­mie des Lebens durch­drun­gen ist, unse­re Gesell­schaft noch nicht gerech­ter; aber immer­hin gebe sie den­je­ni­gen Waf­fen an die Hand, die dafür kämp­fen wol­len, sie gerech­ter zu machen.

So möge die­ses Buch zum Nach­den­ken anre­gen, Hin­wei­se zum Wei­ter­le­sen anbie­ten und das eine oder ande­re Argu­ment lie­fern, das sich im Kampf für eine gerech­te­re Welt bewäh­ren könn­te. Weil es ein­fa­che Lösun­gen für die gro­ßen Pro­ble­me der Welt nicht gibt, wer­den sol­che hier nicht ange­bo­ten – mit die­ser einen Ausnahme: …

WARUM WIR FREMDE NICHT WIE FEINDE BEHANDELN DÜRFEN

 12,00

“Es macht kei­nen Sinn mehr, zwi­schen Flucht und Wirt­schafts­mi­gra­ti­on zu unter­schei­den. Mil­lio­nen von Men­schen müs­sen ihre Hei­mat ver­las­sen, weil Not und Hoff­nungs­lo­sig­keit sie dazu zwin­gen. ‘Verzweiflungsmigrant_​innen’, nennt die Men­schen­rechts­pro­fes­so­rin Jac­que­line Bhab­ha jene, die ‘den Ein­druck haben, dass Mobi­li­tät der ein­zi­ge Aus­weg aus einem Leben in unend­li­chem Man­gel, Lei­den und Chan­cen­lo­sig­keit dar­stellt’. Ihnen ‘soll­te das Recht… 

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