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Dienstag, 06. Juni 2023

Mit dem Knöterich im Gespräch 

Eine Schweizerin in Niederösterreich: Die 63jährige Romy Pfyl arbeitet mit ihren botanischen Sonnendrucken an der Versöhnung von Mensch und Natur.
Zuletzt geändert am 6. Juni 2023
Portrait Romy Pfyl
Romy Pfyl aus Schwyz lebt als Cyanotypistin in Obersdorf

Was immer ich mache, es hat mit Natur zu tun. Ich bin in der Inner­schweiz, unter­halb des Klei­nen und des Gro­ßen Mythen auf­ge­wach­sen und dabei viel auf Bäu­me geklet­tert. Dort oben habe ich mir die Welt ange­schaut. Seit­her ist die Natur mei­ne Lehr­meis­te­rin. Als Mäd­chen woll­te ich Rosen­züch­te­rin wer­den, mit 15 habe ich statt­des­sen eine Aus­bil­dung zur Flo­ris­tin begon­nen. Eine gute Wei­le war ich in einer Blu­men­hand­lung am Zür­cher Para­de­platz beschäf­tigt, direkt an der Bahn­hof­stra­ße, die damals der teu­ers­te Ort der Welt war. Da hat­te ich viel mit Rei­chen und Schö­nen zu tun, da lag der Fokus ziem­lich exklu­siv auf dem Deko­ra­ti­ven. Als ich nach Wien gezo­gen bin, war ich noch Geschäfts­füh­re­rin von renom­mier­ten Blu­men­ge­schäf­ten im 1. Bezirk. Danach resul­tier­te aus einer hand­fes­ten Lebens­kri­se dann der ver­zwei­fel­te Ent­schluss, erst­mal häss­li­che Sachen zu machen. Aber bald hat mich auch hier die Natur ein­ge­holt: in kaum einer ande­ren Stadt gibt es eine so gro­ße Pflan­zen­viel­falt, mehr als 2.200 wild­wach­sen­de Arten soll es geben. Für eine Pflan­zen­jä­ge­rin, wie ich es bin, ist das paradiesisch.

Mit 50 habe ich mich an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le ein­ge­schrie­ben, um Leh­re­rin an der Berufs­schu­le für Gar­ten­bau und Flo­ris­tik in Kagran zu wer­den. Das Unter­rich­ten liegt mir sehr. Geplant war, dass ich das mache bis ich 65 bin. Aber da ist mir die Cya­no­ty­pie dazwi­schen gekom­men, eine his­to­ri­sche Foto­tech­nik. Wenn ich mich die­ser Sache ernst­haft wid­men woll­te, könn­te ich nicht bis zum 65. Geburts­tag war­ten. Also habe ich mich wie­der neu erfun­den und wer­ke seit­her als Cya­no­ty­pis­tin in mei­nem klei­nen Häus­chen in Obers­dorf bei Wolkersdorf.

Das Ver­fah­ren der Cya­no­ty­pie beruht auf zwei harm­lo­sen Kom­pen­en­ten: Amo­ni­um­ei­sen und Blut­lau­gen­salz wer­den getrennt in Was­ser gelöst, in der Dun­kel­kam­mer gemischt, so dass eine saug­fä­hi­ge Druck­un­ter­la­ge – Papier oder Lein­wand – damit foto­sen­si­bi­li­siert wer­den kann. Auf die­ses Medi­um brin­ge ich mein Pflan­zen­bild auf und belich­te es in der Son­ne. Nach einer Wei­le erstrah­len mei­ne Bil­der in die­sem wun­der­schö­nen Ber­li­ner Blau. 

"Werkstatt in meinem kleinen Häuschen in Obersdorf bei Wolkersdorf."
Romy Pfyl aus Schwyz lebt als Cya­no­ty­pis­tin in Obersdorf.

Als Flo­ris­ten­meis­te­rin bin ich Fach­frau für Kul­tur­pflan­zen. Mei­ne Toch­ter hat sich zum Geburts­tag eine Wild­pflan­zen­wan­de­rung gewünscht und damit mei­nen Hori­zont erwei­tert. Ich muss­te mich ein­le­sen und die­se Welt für mich ent­de­cken, damit ich sie ihr zei­gen konn­te. So bin ich auch auf den Japan­knö­te­rich gekom­men, eine der meist­ge­hass­ten Pflan­zen Euro­pas. Die­se inva­si­ve Art macht den Men­schen offen­kun­dig so viel Angst, dass sie die guten Sei­ten die­ser Pflan­ze über­se­hen, etwa ihr Poten­ti­al, ver­gif­te­te Böden zu sanie­ren. Mir jeden­falls lach­te der Japan­knö­te­rich eines Tages in der Mit­tags­son­ne ent­ge­gen und ver­führ­te mich zu einem lan­gen Gespräch. Pflan­zen kom­mu­ni­zie­ren, aber anders als wir. Des­halb ist es schwie­rig, sie zu ver­ste­hen. Ihre Schön­heit spricht uns meist zuerst an. Sie eröff­net die­se Kon­ver­sa­ti­on. Gesprä­che mit dem Japan­knö­te­rich – so habe ich eine Serie von sie­ben Cya­no­ty­pien genannt, die im Janu­ar 2020 ent­stan­den sind. Weil ich ger­ne auch bei mir zuhau­se aus­stel­le, hän­gen vier die­ser fast qua­drat­me­ter­gro­ßen Bil­der in mei­nem Wohn­ate­lier. Den Titel und den Preis der Arbeit schrei­be ich jeweils direkt dane­ben mit Blei­stift auf die weiß­ge­kalk­te Wand. Das affi­ge Thea­ter in Gale­rien, wo man sich aus Lis­ten die Prei­se zusam­men­su­chen muss, habe ich nie ver­stan­den. Ich weiß, was mei­ne Arbei­ten wert sind. Und daher mache ich auch kein Geheim­nis daraus.

auf­ge­zeich­net von Ernst Schmie­de­rer; erschie­nen in: KUNST­STOFF Nr. 38/2022
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