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Dienstag, 06. Juni 2023

Ich will etwas sagen

Der 58jährige Künstler Haydar Celik liest und malt in seinem selbstgebauten Wohnatelier.
Zuletzt geändert am 6. Juni 2023
Haydar Celik: Krieg ist primitiv

Mein Haus habe ich vor sechs Jah­ren gebaut. Die Fens­ter, den Dach­stuhl, den Ver­putz habe ich machen las­sen. Aber Boden­plat­te, Mau­ern, Iso­lie­rung, Decke, Flie­sen – alles selbst gemacht. Mein Vater war Tisch­ler, Mau­rer, Dack­de­cker, Zim­me­rer. Wir Brü­der haben mit ihm gear­bei­tet, von ihm gelernt. Als Erwach­se­ner, schon in Öster­reich, habe ich in einer Zim­me­rei gear­bei­tet. Ich muss­te Geld ver­die­nen für mei­ne Fami­lie. Von mei­ner Kunst hät­ten wir nicht leben können.

Seit 2008 bin ich geschie­den. Mein Sohn und mei­ne Toch­ter sind in Wien. Ich habe mich ins Indus­trie­vier­tel zurück­ge­zo­gen. Wenn es tro­cken ist, arbei­te ich im Gar­ten. Bei schlech­tem Wet­ter bin ich in mei­nem Wohn­ate­lier tätig, umge­ben von unge­zähl­ten Kunst­bü­chern. Ich lese und will sehen, was ande­re Künst­ler machen. Schon als Bub woll­te ich Maler werden.

Gebo­ren wur­de ich im Dorf, in Düven­cik, in Ost­ana­to­li­en. Mit zwölf habe ich die Stadt zum ers­ten Mal gese­hen, Mala­tya. Dahin hat mich mein Vater gebracht, damit wir ein Foto für die Schu­le machen. Ich bin Kur­de. Mei­ne Mut­ter­spra­che ist Kur­disch. Unse­re Kul­tur ist Kur­disch. Tür­kisch habe ich erst in der Schu­le gelernt. Wenn heu­te irgend­wo steht, ich sei ein tür­ki­scher Maler, ärge­re ich mich. Ich bin kein Tür­ke. Ich bin Kur­de und Mensch. Woher einer kommt, inter­es­siert micht nicht.

Das macht die Sache nicht immer ein­fa­cher. Man hat mich 1985 nach einer Auf­nahms­prü­fung an der Kunst­aka­de­mie Anka­ra akzep­tiert. Nach dem ers­ten Semes­ter wur­de ich raus­ge­schmis­sen. Ich bin ein Lin­ker, ein Roter. Sol­da­ten kamen damals zu mir. Sie haben gefragt, ob ich die Uni­ver­si­tät frei­wil­lig ver­las­sen will oder ob sie mich mit­neh­men sol­len. Was hat­te ich für eine Wahl? Nach dem Mili­tär­dienst noch­mal das Glei­che. Ich wur­de an der Mar­ma­ra Uni­ver­si­tät auf­ge­nom­men, woll­te Leh­rer für bild­ne­ri­sche Erzie­hung wer­den. Aber im Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um war ich abge­stem­pelt: ich wür­de nur an Pri­vat­schu­len unter­rich­ten dürfen. 

Haydar Celik in Kunststoff
„Wenn heu­te irgend­wo steht, ich sei ein tür­ki­scher Maler, ärge­re ich mich. Ich bin kein Tür­ke. Ich bin Kur­de und Mensch.“

Damals habe ich mein ers­tes Buch gemacht. Wir soll­ten Zeich­nun­gen gro­ßer Künst­ler nach­ma­chen. Weil es kaum Bild­bän­de zu kau­fen gab, hat­te ich eine Idee: ich wür­de Bild­ma­te­ri­al zusam­men­su­chen, für jeden Künst­ler eine klei­ne Bio­gra­fie dazu schrei­ben und ein Buch machen, für Stu­den­ten. Das war ein Erfolg und hat über die Jah­re zehn Auf­la­gen erlebt. Ich konn­te einen Buch­la­den auf­ma­chen und einen Ver­lag grün­den. Als ich mei­ne Abschluß­ar­beit über „Kunst und Faschis­mus“ ein­rei­chen woll­te, habe ich erkannt, dass es so nicht wei­ter­geht. Die Kom­mis­si­on, die mei­ne Arbeit begut­ach­ten soll­te, hat­te nur eine Fra­ge: war­um ich über Faschis­mus schrei­be, wo doch die isla­mi­sche Kunst so inter­es­sant sei. Zwei­mal wur­den mir dar­auf­hin die Schei­ben mei­nes Geschäfts ein­ge­schla­gen. Ich muss­te die Woh­nung wech­seln. Da war klar, dass ich weg muss. Ende Dezem­ber 1996 kam ich nach Öster­reich. Im April konn­te mei­ne Frau mit unse­rem Sohn nach­kom­men. Mit Hilfs­ar­bei­ten haben wir uns durch­ge­bracht. Aber ich woll­te Kunst und Aus­stel­lun­gen machen. Mein Leben ist Kunst, Kunst ist mein Leben.

Was ich tue, nen­ne ich Karis­mus. Karistirmak bedeu­tet Mischung. Auf die­sen Begriff baue ich mei­nen eige­nen ‑ismus. In den Wer­ken fin­den Sie ver­schie­de­ne Stil­rich­tun­gen. Ich brau­che Mate­ri­al für mei­ne Kom­po­si­tio­nen. Alte Jute­sä­cke zum Bei­spiel. Mit Löchern drin. Mot­ten­zer­fres­sen. Von Mäu­sen ange­nagt. Sol­che Fet­zen nähe ich zusam­men. Die Näh­te zei­gen, dass es um Alles geht: um den Mensch, um die Natur, um unse­re Umwelt, um die Zer­stö­rung. Der Karis­mus ist ein Warn­si­gnal, eine Auf­schrei gegen die dro­hen­den Gefah­ren, eine Ope­ra­ti­on. Wo man etwas zusam­men­flickt, blei­ben Näh­te. Ich will kei­nen schö­nen Bil­der malen. Ich will etwas sagen mit mei­nen Bildern.

Auf­ge­zeich­net von Ernst Schmie­de­rer. Ver­öf­fent­licht in: Kunst­stoff 37/2022
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