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Dienstag, 16. Januar 2024

Meine zweite große Chance

Die finnische Musikerin und Sängerin Laura Maria Korhonen, 38, lebt in Pirkenreith bei Rappottenstein.
Zuletzt geändert am 16. Januar 2024

Es ist viel Zeit ver­gan­gen, bis ich wirk­lich wuss­te, was ich machen will. Dann kamen eini­ge gro­ße Rück­schlä­ge. Und jetzt ergrei­fe ich gera­de mei­ne zwei­te gro­ße Chance.

Seit sechs Jah­ren lebe ich mit mei­nem Mann Aron und unse­ren bei­den Töch­tern, Sofi und Anna, in Pir­ken­reith, im Vier­kan­t­hof der Schwie­ger­el­tern. Wir haben das Haus auf unse­re Bedürf­nis­se hin adap­tiert und das Leben so orga­ni­siert, dass es für uns gut passt. Was ande­ren Men­schen ver­mut­lich sehr unre­gel­mä­ßig erscheint, fühlt sich für uns an wie ein Tetris-Spiel: man schaut ein­fach immer, wo die Stei­ne gera­de hin­pas­sen. Zwei Nach­mit­ta­ge in der Woche bin ich die Hob­by-Mama und chauf­fie­re die Kin­der zum Tan­zen, zum Fuß­ball­spie­len, wohin immer sie müs­sen. An den ande­ren Tagen sind Aron oder sei­ne Mut­ter dran. Drei Nach­mit­ta­ge habe ich für das Unter­rich­ten reser­viert. Im Musik­schul­ver­band pend­le ich als Leh­re­rin nach Rap­pot­ten­stein, Alt­me­lon, Abes­bach, Lang­schlag und Groß­ge­rungs. Außer­dem gebe ich Ein­zel­un­ter­richt in Pop- und Jazz­ge­sang. An den Vor­mit­ta­gen arbei­te ich künst­le­risch oder küm­me­re mich um Orga­ni­sa­to­ri­sches für unse­re Band Satuo und unse­ren Ver­ein TRA-Kul­tur­lo­gis­tik.

Dass wir mit Satuo im Juni unser neu­es, das vier­te Album her­aus­brin­gen, grenzt für mich an ein Wun­der. Ich kann es noch gar nicht fas­sen. Ich bin in Tur­ku gebo­ren, habe die ers­ten Lebens­jah­re in Liver­pool ver­bracht, bin in Hel­sin­ki auf­ge­wach­sen. Musik und Tanz waren immer wich­tig für mich. Ich habe in einem Show- und Musi­cal-Chor gesun­gen, habe Gei­ge gespielt, Kla­vier gelernt und in der Schu­le immer die Solos bekom­men. Ich war begabt und am bes­ten Weg zu einer Kar­rie­re im Pop-Geschäft. Im Matu­ra-Jahr kamen uner­klär­li­che Schmer­zen dazwi­schen. Irgend­wann wur­de eine Auto­im­mun­krank­heit dia­gnos­ti­ziert, die ich nach vie­len Expe­ri­men­ten heu­te mit guten Medi­ka­men­ten im Griff habe. Der Traum vom Tanz war damit aber ausgeträumt.

Um einen neu­en Weg zu fin­den, habe ich in Hel­sin­ki Musik­wis­sen­schaft, Pop und Jazz Gesangs­päd­ago­gik und ein Jahr an der Sibe­l­i­us-Aka­de­mie Jazz-Gesang stu­diert. 2009 kam ich mit Eras­mus nach Wien, um bei Ines Rei­ger an der Musik-Uni mei­ne Aus­bil­dung fort­zu­set­zen. Vom ers­ten Tag an war ich begeis­tert – und hat­te nach zwei Mona­ten den ers­ten Hör­sturz mei­nes Lebens. Die nächs­ten neun Jah­re leb­te ich mit Hör­stür­zen, Kor­ti­son-Behand­lun­gen und Ope­ra­tio­nen. Und trotz­dem habe ich mein Stu­di­um abge­schlos­sen, mit mei­nem Mann unse­re Band gegrün­det, die Kin­der bekom­men, das Wald­vier­tel zum Lebens­mit­tel­punkt gemacht. Doch die Angst, mein Gehör eines Tages ganz zu ver­lie­ren, war immer prä­sent. Im Novem­ber 2018 war es soweit: nach einem wei­te­ren Hör­sturz und einer schwe­ren Sep­sis war ich völ­lig taub. Ich konn­te nicht mehr singen.

Ja, und jetzt das neue Album: Some­whe­re in the Maze. Mei­ne zwei­te Chan­ce! Mir wur­den Coch­lea-Implan­ta­te ein­ge­setzt. Ich war hart­nä­ckig und hat­te kei­ne Ahnung, wie schwer das wer­den wird. Zwei Jah­re war ich im Kran­ken­stand. Ich muss­te bei Null anfan­gen, Schritt für Schritt wie­der sin­gen ler­nen. Ich bin angeb­lich welt­weit die ers­te Sän­ge­rin, die es mit Implan­ta­ten zurück auf die Büh­ne schafft – heu­er im Som­mer wie­der beim Schram­mel­klang Fes­ti­val in Lit­schau. Heu­te bin ich eine kom­plett ande­re Sän­ge­rin und habe damit die Chan­ce, ohne Kom­pro­mis­se die Musik zu machen, die ich lie­be. Unse­re Band ist sehr divers, wir sind sechs sehr unter­schied­li­che Musiker*innen, bewe­gen uns cross-over in alle mög­li­chen Rich­tun­gen und haben jetzt ein ent­spre­chend kun­ter­bun­tes Album geschaf­fen. Wich­tig ist mir, dass ich immer auch mei­ne Geschich­te mit­brin­ge: ich sin­ge und arran­gie­re fin­ni­sche Musik, Volks‑, Kin­der- und Wie­gen­lie­der, aber auch Tan­gos. Ich bin eine stol­ze Fin­nin und seit ich Mut­ter gewor­den bin, ist mei­ne Her­kunft noch wich­ti­ger. Mei­ne Töch­ter sol­len wis­sen, woher auch sie kom­men. Durch die Musik sind mei­ne Vor­fah­ren und ein Stück Finn­land immer bei mir.

Auf­ge­zeich­net von Ernst Schmiederer

Kunststoff Nr. 422023
in: Kunst­stoff, Nr. 42/2023
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