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Donnerstag, 24. September 2015

Präsentation: Das Parlament der Unsichtbaren

Zuletzt geändert am 23. Oktober 2022
"Das Parlament der Unsichtbaren", ein Manifest des französischen Historikers Pierre Rosanvallon, erscheint in der edition IMPORT/EXPORT.

Einladung-Parlament-A

„Es unter­gräbt die Demo­kra­tie, wenn die vie­len lei­sen Stim­men unge­hört blei­ben, die ganz gewöhn­li­chen Exis­ten­zen ver­nach­läs­sigt und die schein­bar bana­len Lebens­läu­fe miss­ach­tet wer­den, wenn es kei­ne Aner­ken­nung für jene Initia­ti­ven gibt, die abseits des Schein­wer­fer­lichts statt­fin­den“, schreibt der fran­zö­si­sche His­to­ri­ker Pierre Rosan­vallon in sei­nem Mani­fest „Le Par­la­ment des Invi­si­bles“. In deut­scher Über­set­zung erscheint „Das Par­la­ment der Unsicht­ba­ren“ in der edi­ti­on import/​export. Und zwar jetzt. War­um wir das publi­zie­ren? Das steht in mei­nem Nach­wort. Und das fin­den Sie zur Ein­stim­mung gleich ein­mal hier unten.

Prä­sen­ta­ti­on & Dis­kus­si­on am 12. Okto­ber 2015
um 19.00 in der Haupt­bü­che­rei Wien (Urban Loritz Platz)
Mit Pierre Rosan­vallon, Dirk Rup­now, Robert Strei­bel u.a.

YOU ARE WELCOME!

Einladung-Parlament-B

Ein Auf­ruf: Erzäh­len Sie Ihre Geschichten!
Von Ernst Schmiederer

Wohin man auch schaut, der Riss klafft Tag für Tag wei­ter auf. Was die einen Poli­tik nen­nen, ver­ste­hen die ande­ren als Pfusch. Wo jene Sach­zwän­ge jon­glie­ren, schüt­teln die­se die Köp­fe. Wird hier eine Ent­schei­dung als alter­na­tiv­los beschrie­ben, kommt dies dort als Flos­kel an, als Beleg für den Man­gel an Gestal­tungs­wil­len. Ein­kom­men, Besitz und Steu­er­las­ten sind so ungleich ver­teilt wie nie zuvor in unse­rer Lebens­zeit. Öko­no­men und Sozio­lo­gen, Poli­to­lo­gen und His­to­ri­ker beschrei­ben unse­re euro­päi­schen Demo­kra­tien als tief gespal­ten. Der Traum von einer gerech­ten Gesell­schaft sei aus­ge­träumt, kon­sta­tiert etwa Heinz Bude – und zwar „nicht nur für jene, die schon immer vom sozia­len Abstieg bedroht waren“, wie er sein 2008 erschie­ne­nes Buch über „Die Aus­ge­schlos­se­nen“ auf den Punkt brach­te: „Die Aus­ge­schlos­se­nen von heu­te sind die Armen von mor­gen. Das betrifft zuerst die Grup­pe der aus­ge­grenz­ten Jugend­li­chen von den Haupt- und Son­der­schu­len, die kei­nen Sinn in den Anstren­gung für eine Aus­le­se sehen, bei der sie doch nur den Kür­ze­ren ziehen.“

Nicht zuletzt die­ses Zitat hat uns im Blink­licht Media Lab davon über­zeugt, in sie­ben ober­ös­ter­rei­chi­schen Pro­duk­ti­ons­schu­len sol­che Aus­ge­schlos­se­nen zu Wort kom­men zu las­sen: 130 Jugend­li­che im Alter zwi­schen 15 und 25 Jah­ren, die man­gels Aus­bil­dungs- oder Arbeits­platz in die­sen Ein­rich­tun­gen moti­viert, aus­ge­bil­det und auf den Ein­tritt in den sich hof­fent­lich für sie öff­nen­den Arbeits­markt vor­be­rei­tet wer­den sol­len. In enger Koope­ra­ti­on mit der AK Ober­ös­ter­reich ent­stand aus den dort gesam­mel­ten Tex­ten das ers­te Buch („WE ARE FROM AUS­TRIA. Berich­te aus Ober­ös­ter­reich“, 2012) einer mitt­ler­wei­le auf neun Bän­de ange­wach­se­nen Rei­he: WIR. BERICH­TE AUS DEM NEU­EN OE. 

„Ich habe drei Geschwis­ter“, schreibt die 17-jäh­ri­ge Sinem dort: „Ich bin in Wels gebo­ren, und mei­ne Eltern sind in der Tür­kei gebo­ren. Mein Vater ist geschie­den von mei­ner Mut­ter, seit fast neun Jah­ren schon. Ich pass auf mei­nen Vater und mei­ne zwei Brü­der auf. Mein Vater arbei­tet, mein 18-jäh­ri­ger Bru­der sucht einen Job und mein klei­ner Bru­der geht in die Schu­le. Mei­ne Mut­ter sehe ich seit Jah­ren nicht mehr. Nach der Haupt­schu­le habe ich als Fri­seu­rin gear­bei­tet. Ich hab auf­ge­hört, weil die sechs Mona­te mei­nen Lohn nicht gezahlt haben.“ Schon die­se weni­gen Sät­ze skiz­zie­ren eine Lebens­ge­schich­te, die sich als Auf­rei­hung zeit­ty­pi­scher Refe­renz­punk­te lesen lässt: inner­fa­mi­liä­re Hür­den, gesell­schafts- und bil­dungs­po­li­ti­sche Pro­blem­zo­nen, Ver­tei­lungs- und Gerechtigkeitsfragen. 

In all ihrer Viel­falt haben die bis­lang gesam­mel­ten 2.000 Berich­te – dar­un­ter nicht weni­ge von Jugend­li­chen, die (noch) kei­ner­lei Aus­bil­dung abge­schlos­sen und schon Sor­ge­pflich­ten für eige­ne Kin­der haben – jeden­falls einen gemein­sa­men Nen­ner: sie kon­zen­trie­ren sich auf das Jetzt. Es sind Moment­auf­nah­men, aku­te Auf­zeich­nun­gen, die gera­de tief genug aus der Ver­gan­gen­heit schöp­fen, um ein Heu­te so dicht zu beschrei­ben, dass eine Ahnung davon ent­steht, wie das Mor­gen aus­se­hen könn­te. Und dar­in liegt wohl ein poten­ti­el­ler Mehr­wert sol­cher Berich­te: Indem Men­schen sich Gehör ver­schaf­fen, indem sie etwas zu sagen (zu schrei­ben) haben, das ande­re hören (lesen) kön­nen, mischen sie mit. Sie gestal­ten also nicht allein ihre „Iden­ti­tät“, son­dern auch ein gemein­sa­mes Pro­jekt: das Jetzt, die Gegen­wart, unse­re Gesellschaft.

Es ist somit kein Zufall, dass ich Pierre Rosan­vallons Mani­fest „Le Par­le­ment des Invi­si­bles“ unbe­dingt in einer deut­schen Über­set­zung sehen woll­te. Aus dem Radio („Ö1 gehört gehört“) hat­te ich von sei­ner Unter­neh­mung „Racon­ter la vie“ erfah­ren und umge­hend das ers­te hal­be Dut­zend der in die­sem Rah­men ent­stan­de­nen Bücher bestellt. Trotz sehr rudi­men­tä­rer Fran­zö­sisch-Kennt­nis­se war schnell klar: da tut einer, was getan wer­den muss. Da lässt einer Men­schen zu Wort kom­men, lässt sie eben Das Leben erzäh­len, weil er einen gro­ben Miss­stand behe­ben will: „Es unter­gräbt die Demo­kra­tie, wenn die vie­len lei­sen Stim­men unge­hört blei­ben, die ganz gewöhn­li­chen Exis­ten­zen ver­nach­läs­sigt und die schein­bar bana­len Lebens­läu­fe miss­ach­tet wer­den, wenn es kei­ne Aner­ken­nung für jene Initia­ti­ven gibt, die abseits des Schein­wer­fer­lichts statt­fin­den. Die Lage ist alar­mie­rend, denn auf dem Spiel steht sowohl die Wür­de der Indi­vi­du­en als auch die Leben­dig­keit der Demo­kra­tie. (…) Denn ein Leben, das im Dun­keln bleibt, ist ein Leben, das nicht exis­tiert, ein Leben, das nicht zählt. Reprä­sen­tiert zu sein hin­ge­gen bedeu­tet – im wört­li­chen Sinn – den ande­ren prä­sent gemacht zu werden.“

Pierre Rosan­vallon hat schon sein Werk über „Die Gesell­schaft der Glei­chen“ (2010) mit einem Satz begon­nen, der auch als Pro­gramm für das nun vor­lie­gen­de Buch zu ver­ste­hen ist: „Als Sys­tem gedeiht die Demo­kra­tie gera­de in dem Augen­blick, da es mit ihr als Gesell­schafts­form berg­ab geht.“ Er beschrieb jenen „Riss, der durch die Demo­kra­tie geht“ und stell­te nüch­tern fest, dass die­ser „die größ­ten Gefah­ren“ unse­rer Zeit ber­ge: „Soll­te er sich ver­grö­ßern, könn­te das demo­kra­ti­sche Sys­tem selbst am Ende ins Wan­ken gera­ten.“ Zudem warn­te Rosan­vallon damals schon: „Ungleich­hei­ten, das ist der sprin­gen­de Punkt dabei, tref­fen nicht nur die am schlech­tes­ten Gestell­ten, sie scha­den uns allen.“

Das nun in deut­scher Spra­che vor­lie­gen­de Mani­fest kann somit als nach­ge­reich­te Hand­lungs­an­lei­tung ver­stan­den wer­den: „Wenn man den Men­schen das Wort gibt, sie sicht­bar macht, hilft man ihnen in Wahr­heit dabei, sich zu mobi­li­sie­ren, der bestehen­den Ord­nung zu trot­zen und ihr Leben bes­ser zu füh­ren. Man ermäch­tigt sie auch, ihr Leben in einer sinn­stif­ten­den Erzäh­lung zusam­men­zu­fas­sen und sich so in eine kol­lek­ti­ve Geschich­te einzufügen.“ 

Die Qua­li­tät einer Demo­kra­tie, argu­men­tiert er im vor­lie­gen­den Buch, „hängt auch genau davon ab, dass die geleb­ten Erfah­run­gen der Bür­ger im öffent­li­chen Leben stets prä­sent sind und ihre Rech­te ein­ge­mahnt wer­den. Demo­kra­tie bedeu­tet nicht nur kol­lek­ti­ve Macht oder öffent­li­che Beschluss­fas­sung, Demo­kra­tie bedeu­tet auch Auf­merk­sam­keit für alle, aus­drück­li­che Berück­sich­ti­gung aller Ver­hält­nis­se. Das ist entscheidend.“

Vor die­sem Hin­ter­grund kann die Initia­ti­ve zur Über­set­zung die­ses Mani­fests ger­ne als Ein­la­dung zum Han­deln ver­stan­den wer­den. Ver­su­chen wir es gemein­sam. Las­sen Sie uns her­aus­fin­den, was ein Par­la­ment der Unsicht­ba­ren zur Ver­bes­se­rung der Demo­kra­tie in unse­ren Brei­ten bei­tra­gen kann. Erzäh­len Sie Ihre Geschich­ten. Über­brü­cken Sie die Spal­tung. Stär­ken Sie die Demo­kra­tie. Besu­chen Sie uns: am 12. Okto­ber 2015 in der Hauptbücherei.
Oder spä­ter dann auf lei​se​stim​men​.org

mit Robert Streibel, Jessica Beer, Pierre Rosanvallon, Ernst Schmiederer, Dirk Rupnow

Buch­prä­sen­ta­ti­on, Haupt­bü­che­rei 12.10.2015, mit Robert Strei­bel, Jes­si­ca Beer, Pierre Rosan­vallon, Ernst Schmie­de­rer, Dirk Rupnow

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