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Freitag, 20. September 2019

Ein erster Schritt!

Zuletzt geändert am 23. Oktober 2022
Menschen müssen aus Österreich flüchten, weil sie hier nicht in Sicherheit leben können. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Ein erster Abend für Nawid.

Dass wir uns heu­te (am 10. Sep­tem­ber 2019) hier tref­fen, ver­dan­ken wir Nawid Nade­ri. Als er in Schub­haft genom­men wur­de, hat sich eine klei­ne Whats­App-Grup­pe gebil­det, die sich am Sonn­tag, dem 28. Juli, zum ers­ten Mal leib­haf­tig getrof­fen hat – und zwar im Poli­zei­an­hal­te­zen­trum am Her­nal­ser Gürtel.

Ich habe Nawid 2016 ken­nen­ge­lernt, im Rah­men eines Schreib­work­shops, den unser Blink­licht Media Lab in Koope­ra­ti­on mit den Leh­re­rIn­nen der BHAK/BHAS Pol­gar­stra­ße in einer soge­nann­ten Brü­cken­klas­se ver­an­stal­tet hat. Seit­her ist der Kon­takt nicht mehr abge­ris­sen. Nawid hat sich über die Maßen enga­giert, hat Thea­ter gespielt, Freund­schaf­ten geschlos­sen und uns immer wie­der zu Lesun­gen beglei­tet und dort vie­le – auch pro­mi­nen­te – Bekannt­schaf­ten gemacht, die von unse­rem Foto­gra­fen Mar­co Büchl gut doku­men­tiert sind.

Nawid Dachverband

Anfang August, kaum aus der Schub­haft ent­las­sen, hat sich Nawid auf den Weg gemacht. Es schien ihm – wohl zur Recht – aus­sichts­los, hier in Öster­reich noch län­ger auf Sicher­heit zu hof­fen. Jetzt ist Nawid in Frank­reich, in Paris. Die Näch­te dort hat er bis­her meist unter Brü­cken verbracht.

Tag für Tag ver­schwin­den Men­schen in Schub­haft. Men­schen, die seit Jah­ren ver­su­chen, in Öster­reich ein Leben in Wür­de zu füh­ren. Immer wie­der wer­den sol­che Men­schen abge­scho­ben. Immer wie­der auch nach Afgha­ni­stan. Und immer wie­der flüch­ten Men­schen, die die­sem Schick­sal ent­ge­hen wol­len, wei­ter in ande­re Län­der. Sie müs­sen flüch­ten, weil unser Land nicht bereit ist, sie auf­zu­neh­men, sie zu beschützen.

Vor die­sem Hin­ter­grund tref­fen wir uns heu­te hier, um ein #hier­blei­be­recht zu dis­ku­tie­ren, ein Blei­be­recht also für all jene Men­schen, die seit min­des­tens drei Jah­ren bei uns sind.

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#hier­blei­be­recht @ Blink­licht Media Lab

Mensch­lich­keit allei­ne wäre Grund genug, so ein #hier­blei­be­recht als eine Art Amnes­tie Rea­li­tät wer­den zu las­sen: Drei Jah­re ohne irgend­wel­che Sicher­heit hier aus­zu­har­ren, das ist eine Här­te, die nie­man­dem zumut­bar ist und den­noch vie­len Men­schen bei uns zuge­mu­tet wird.

Man kann zudem auch ein rein prak­ti­sches Argu­ment bemü­hen: Wenn die Repu­blik es trotz größt­mög­li­chem Auf­wand nicht schafft, einem hier zu uns geflüch­te­ten Men­schen in drei Jah­ren ent­we­der Sicher­heit zu bie­ten oder ihn außer Lan­des zu brin­gen, dann ist es min­des­tens ver­nünf­tig, die­se offen­kun­dig erfolg­lo­sen Bemü­hun­gen ein­zu­stel­len. Das spart vie­le Res­sour­cen, viel Geld und nicht zuletzt viel Leid.

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Heu­te offe­ne Gesell­schaft @ Blink­licht Media Lab

Dar­über­hin­aus gibt es aber auch noch eine poli­ti­sche Per­spek­ti­ve, die ich hier kurz erläu­tern möch­te: Wie vie­le von Ihnen wis­sen, sam­melt das Team des Blink­licht Media Lab seit vie­len Jah­ren die BERICH­TE AUS DEM NEU­EN OE. Etwas tech­nisch for­mu­liert sind die Geschich­ten, die im Rah­men die­ses Pro­jekts ent­ste­hen, auto­bio­gra­fi­sche Skiz­zen. Zusam­men­ge­setzt wie ein Puz­zle fügen sich die­se Geschich­ten zu einer Doku­men­ta­ti­on, zu einem Bild unse­rer Gegen­wart. Zu die­sem Puz­zle gehö­ren natur­ge­mäß auch die BERICH­TE VON GEFLÜCH­TE­TEN MEN­SCHEN. Mehr als 400 davon haben wir in bis­her zwei Büchern – WIR. HIER UND JETZT I + II – publi­ziert. Wenn wir Men­schen bit­ten, uns ihre Geschich­te zu erzäh­len und sie auf­zu­schrei­ben, öff­nen wir im Ide­al­fall auch einen Hand­lungs­raum: Indem Men­schen ihre indi­vi­du­el­le Geschich­te erzäh­len, machen sie sich sicht­bar. Das Auf­schrei­ben und das Frei­ge­ben einer sol­chen Geschich­ten ist als Akt der Selbst­er­mäch­ti­gung zu ver­ste­hen. In die­sem Sinn ist es ein poli­ti­sches Han­deln, das die zwi­schen­mensch­li­chen und mei­net­we­gen auch (medien-)pädagogischen Aspek­ten die­ses Schrei­bens beglei­tet. Indem sich die­se Men­schen – Flücht­lin­ge, also von den Pri­vi­le­gi­en unse­rer Bür­ger­ge­sell­schaft Aus­ge­schlos­se­ne – mit ihrer Geschich­te ein­brin­gen, schrei­ben sie sich in eine nar­ra­ti­ve Demo­kra­tie ein. In Sum­me doku­men­tie­ren die­se Tex­te aber noch ein bri­san­tes poli­ti­sches Detail: 

Die Men­schen­rech­te garan­tie­ren dem Men­schen zwar das Recht, sei­nen Staat zu ver­las­sen. Ein Recht dar­auf, irgend­wo anzu­kom­men, in einem bestimm­ten Land hei­misch zu wer­den, ist aber nir­gend­wo fest­ge­schrie­ben. Men­schen, die von zuhau­se flüch­ten, tun das im Wis­sen, dass sie sich auf einen unsi­che­ren Weg zu einem unsi­che­ren Ziel machen. Sie neh­men sich damit ein Recht, das ihnen von unse­ren Gesell­schaf­ten und unse­ren Rechts­sys­te­men vor­ent­hal­ten wird. Sie ermäch­ti­gen sich selbst, in dem sie ein (noch!) nicht insti­tu­tio­na­li­sier­tes Recht auf Bewe­gungs­frei­heit ein­fach wahr­neh­men. Mein Jour­na­lis­ten­kol­le­ge Mil­tia­dis Ouli­os hat dazu aus­führ­lich publi­ziert, unter ande­rem fin­det sich in sei­nem emp­feh­lens­wer­ten Band „Black­box Abschie­bung. Geschich­ten und Bil­der von Leu­ten, die ger­ne geblie­ben wären“ die fol­gen­de Passage:

„Die Men­schen, um die es geht, geben sich in der Pra­xis eben nicht nur mit den Men­schen­rech­ten und dem Mensch­sein, der blo­ßen Ret­tung ihres mensch­li­chen Lebens zufrie­den, son­dern ver­lan­gen etwas das über den Hori­zont der blo­ßen Mensch­lich­keit hin­aus­geht, das letzt­lich nicht huma­ni­tär, son­dern nur poli­tisch begrün­det wer­den kann. Nur ein Bür­ger kann nicht abge­scho­ben wer­den. Nur der Sta­tus eines Bür­gers erlaubt es einem Men­schen, im gege­be­nen Kon­text nicht begrün­den zu müs­sen, wes­halb er an einen Ort zie­hen oder dort blei­ben will. Sie prak­ti­zie­ren damit unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen ein trans­na­tio­na­les, mit­hin sogar ein Welt­bür­ger­recht, das es offi­zi­ell nicht gibt. Der Begriff der ‚Mensch­lich­keit’ erlaubt solch einen poli­ti­schen Zugang nicht.“

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Zivil­ge­sell­schaft bei der Arbeit @ Blink­licht Media Lab

In die­sem Sin­ne abschlie­ßend zum #hier­blei­be­recht:

+ Es ist mensch­lich gebo­ten, dass wir jenen, die hier bei uns Sicher­heit suchen, die­se Sicher­heit gewäh­ren, dass wir ihnen ein #hier­blei­be­recht gewäh­ren; mei­net­we­gen im ers­ten Schritt als Amnes­tie, als Gnadenakt.

+ Die Men­schen, über die wir hier spre­chen, haben aber mehr ver­dient: Nicht zuletzt auf­grund ihrer Geschich­te, ihres Über­le­bens­kamp­fes haben sie das Recht dar­auf, dass wir sie auch poli­tisch ernst neh­men. Sie haben mit ihrer Flucht ins Unge­wis­se poli­tisch gehan­delt (lesen Sie ihre Berich­te in unse­ren Bücher!); es steht uns als Gesell­schaft gut an, die­sen Aspekt eben­so ernst zu nehmen.

+ Das alles kann nur ein Anfang sein. Denn: Wer da ist, ist von da! Die 3‑Jahresfrist ist also will­kür­lich, aber mit Bedacht gewählt – sie betrifft vor allem auch Men­schen, die im Som­mer der Flucht 2015 zu uns gekom­men sind. Drei Jah­re und in vie­len Fäl­len auch schon viel län­ger hat es die­ser Staat nicht geschafft, ihnen Sicher­heit zu geben oder sie los­zu­wer­den. Über all die Jah­re wur­de an die­sen Men­schen her­um­ex­pe­ri­men­tiert. Jetzt reicht es! Sie müs­sen #hier­blei­ben dürfen!

——–

PS: Wer neu­gie­rig und wil­lig ist, sich in die­sem Kon­text mit uns zu enga­gie­ren; wer bereit ist, sei­nen Namen in den Dienst der Sache zu stel­len, Talen­te, Fan­ta­sie und/​oder Arbeits­kraft ein­zu­brin­gen; wer sich in die­sem Kon­text ver­net­zen und wirk­sam wer­den will, kommt

am 24. Sep­tem­ber um 19.00 Uhr
ins Blink­licht Media Lab auf die Fischer­stie­ge (1010 Wien).

WIR müs­sen HIER UND JETZT han­deln. Denn für Nawid ist selbst das schon zu spät.

———
Fotos: Mar­co Büchl / Blinklicht

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