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Montag, 08. Januar 2007

Wien hat ganz schön Tempo

Nives Widauer
Nives Widauer, 41, lebt seit zehn Jahren in Wien. Der Künstlerin fehlt das Meer, die unterschiedlichen Tempi dieser Stadt hat sie schätzen gelernt.


Mein gro­ßes Pro­blem ist, dass ich nicht am Meer lebe. Das emp­fin­de ich sehr stark. Mein Schlaf­zim­mer habe ich mit einem fast drei Meter lan­gen, selbst ent­wor­fe­nen Leucht­kas­ten aus­ge­stat­tet – da sehe ich ein brei­tes Leucht­dia weit nur den Mee­res­ho­ri­zont. Ein paar Jah­re lang habe ich in Ita­li­en gelebt, zwi­schen Rom und Nea­pel, am Meer. Was die­se Sehn­sucht betrifft, war das wunderbar.
In Wien lebt man eigent­lich auch am Was­ser. Aber doch nicht so ganz. Die Donau macht einen Bogen um die Stadt. Man denkt oft an den Fluß, aber sieht ihn kaum. Auf­fäl­lig ist die Donau aber auch aus einem ande­ren Grund: eigent­lich fließt sie schnell, wenn man aber von einer Brü­cke auf die Donau schaut, scheint es, als ob sie ein ste­hen­des Gewäs­ser wäre. Das passt gut zu die­ser Stadt, in der zwei unter­schied­li­che Tem­pi neben­ein­an­der wirk­sam sind. Da gibt es die­sen lang­sa­men Unter­strom. In den alten Kaf­fee­häu­sern spürt man den in Form einer Schwer­fäl­lig­keit, die ihres­glei­chen sucht. Vie­les ist in Wien erhal­ten geblie­ben, weil das Tem­po eher lang­sam war und nicht, weil man sich bewußt für den Erhalt ent­schie­den hät­te. Eben­so prä­gend ist aber auch die­ser schnel­le­re Über­strom. Wien ist nicht New York, das stimmt schon. Trotz­dem hat die Stadt ganz schön Tem­po. Und zwar gera­de genug, dass man mit­kommt. Es gibt eine auf­fäl­li­ge Risi­ko­be­reit­schaft hier, die nicht nur aus einer gewinn­ori­en­tier­ten Hal­tung ent­springt. Der Cash­flow ist nicht das aus­schlag­ge­ben­de Moment in die­ser Stadt. Und das läßt gera­de auch uns Künst­lern gute Mög­lich­kei­ten in Situa­tio­nen, die einem in ande­ren Städ­ten das Genick bre­chen wür­den. In der Schweiz lebt man dies­be­züg­lich ganz anders.
Der Meteo­ri­ten­saal im Natur­his­to­ri­schen Muse­um ist ein Sinn­bild dafür. Seit bald 120 Jah­ren steht die welt­größ­te Samm­lung die­ser „aus dem Welt­all auf die Erde her­ab­ge­stürz­ten Stein- und Eisen­mas­sen“ unbe­rührt in ihrer Pracht. Ein­ma­lig, dass es so etwas noch gibt. Wohl kein ande­res euro­päi­sches Muse­um hat sich einen so wun­der­ba­ren Aus­stel­lungs­saal so ori­gi­nal­ge­treu erhal­ten. Mich haben der Saal und die Objek­te der­art in ihren Bann gezo­gen, dass ich Wis­sen­schaft­ler, Phi­lo­so­phen und Schrif­stel­ler ein­ge­la­den habe, mit mir ein Buch zu machen: „Meteo­ri­ten – was von außen auf uns einstürzt“.
Jüngst habe ich einen Blick­wech­sel voll­zo­gen. Ich inter­es­sie­re mich für Glo­ben. Ich samm­le sie, weil es extrem sinn­li­che Objek­te sind. Was mich aber am stärks­ten fas­zi­niert, ist der ein­fa­che Ent­wurf des Glo­bus: man macht einen Schritt aus dem eige­nen Sys­tem raus. Wie wenn man von außen auf sein eige­nes Herz schaut. Das wird mein nächs­tes Buch: Von Kepp­ler bis Goog­le Earth.
Mikro- und Makro­kos­mos, das ist es eigent­lich, was mich beschäf­tigt. Selbst beim Kochen, das ich mit gro­ßer Lei­den­schaft betrei­be, habe ich manch­mal die Ursup­pe vor mir. Und aus der sind wir doch alle entstanden.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 02/2007
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