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Freitag, 22. Dezember 2006

Der Tote im Müll

Zoran D.
Vor einem Jahr, am 22. Dezember 2005, wurde der serbische Elektriker Zoran D. in einem Wagen der Wiener Müllabfuhr zerquetscht. Was geschah davor?


An einem klir­rend kal­ten Vor­mit­tag im Jän­ner die­ses Jah­res wer­den die sterb­li­chen Über­res­te von Zoran D. für ihre letz­te Rei­se vor­be­rei­tet. Ein sil­ber­grau­er Mer­ce­des Kom­bi des ser­bi­schen Lei­chen­trans­port­un­ter­neh­mens Drn­da Inter­na­tio­nal parkt in der Ein­fahrt des gerichts­me­di­zi­ni­schen Insti­tuts in der Wie­ner Sensengasse.
Im kah­len Hof des Gebäu­des friert eine Hand voll von Men­schen und war­tet dar­auf, Abschied zu neh­men. Slo­bo­dan »Bob­by« Sto­ja­di­no­vic, und sein Stief­sohn Robert »Rob­by« Beric sind gekom­men, zwei ser­bi­sche Gast­wir­te, die mit Zoran eng befreun­det waren. Auch Sali ist erschie­nen, der bul­li­ge Wirt des Café Vic­to­ria, jenes Nacht­ca­fés in der Klos­ter­neu­bur­ger Stra­ße in der Bri­git­ten­au, in dem Zoran drei Wochen zuvor das letz­te Mal lebend gese­hen wor­den war. Zorans Schwa­ger, der Elek­tri­ker Dra­gan Mndru­cic, wird den Leich­nam in die gemein­sa­me Hei­mat, in die klei­ne ost­s­er­bi­sche Grenz­stadt Kla­do­vo an der Donau, beglei­ten. Olga Sto­j­ko­vic, die Schwie­ger­mut­ter des Ver­stor­be­nen, wacht mit einer roten Ker­ze in den Hän­den an der Heck­klap­pe des Bestat­tungs­fahr­zeu­ges. Sie schluchzt laut, klagt, weint. Vor 15 Jah­ren hat­te sie Zoran durch die Grenz­kon­trol­len der ser­bi­schen Streit­kräf­te nach Wien geschmug­gelt, damit man ihn damals nicht als Rekrut zu der Bür­ger­kriegs­ar­mee des unter­ge­hen­den Jugo­sla­wi­en ein­zie­hen konnte.
In der Lei­chen­hal­le des gerichts­me­di­zi­ni­schen Insti­tu­tes riecht es nach Che­mie und Tod. Har­tes Neon­licht füllt den Raum, zahl­rei­che offe­ne Sär­ge har­ren ihrer Verwendung.Der Leich­nam von Zoran D. wird in einen Zink­sarg geho­ben, der pass­ge­nau wie bei einer rus­si­schen Pup­pe in einem schnee­weiß lackier­ten Holz­sarg steckt. Mit geüb­ten Hand­grif­fen lötet der Chauf­feur des ser­bi­schen Lei­chen­trans­por­ters einen Zink­de­ckel über den Toten. Ein Sicht­fens­ter gibt einen Blick frei auf des­sen Ant­litz. Drei Män­ner wagen einen letz­ten Blick.
»Ich erken­ne ihn nicht«, sagt Bob­by. »Das ist nicht Zoran!«
Sali schüt­telt den Kopf: »Wie schaut der aus? Der Kopf, so schwarz.«
Auch Rob­by, für den Zoran wie ein älte­rer Bru­der war, schreckt zurück: »Doch. Die Lip­pen. Die erken­ne ich. Was haben sie mit ihm gemacht?«
Am 22. Dezem­ber 2005 wird Chef­inspek­tor Adolf Fleisch­ha­cker vom Refe­rat für Kapi­tal­ver­bre­chen der Wie­ner Poli­zei gegen 18.15 Uhr zu einer »bedenk­li­chen Lei­che« nach Flo­rids­dorf geru­fen. Vier Mann fah­ren los. An ihrem Ziel ange­langt, erhe­ben sie den Tat­be­stand und klä­ren Iden­ti­tät und Natio­na­li­tät des Toten. Sie benach­rich­ti­gen die geschie­de­ne Ehe­frau. Bestel­len den Lei­chen­ab­hol­dienst. Bei der Lei­che von Zoran D. fin­det die Kri­mi­nal­po­li­zei eine Geld­bör­se. Kein Euro und kein Cent befin­den sich dar­in. Nur ein Kin­der­fo­to sei­nes Soh­nes, eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung, die 2013 abläuft, ein paar Visi­ten­kar­ten von Loka­len, die ihre Atmo­sphä­re schon im Namen tra­gen, und eine Kon­to­kar­te der Bank Aus­tria. Als Zoran stirbt, steht das Kon­to in Auf­lö­sung und eine »Nega­tiv-Mel­dung« scheint auf: Nach Kla­ge, Exe­ku­ti­on und Zwangs­voll­stre­ckung wird vor der Mit­tel­lo­sig­keit des Kun­den gewarnt.
Bereits um Mit­ter­nacht wird der Leich­nam obdu­ziert, anschlie­ßend Fremd­ver­schul­den aus­ge­schlos­sen. »Es war ein blö­der Unfall«, sagt Chef­inspek­tor Fleisch­ha­cker. »Außer­dem war Alko­hol im Spiel.« Bemer­kens­wert an die­sem Ein­satz sei ledig­lich, dass dies »ver­mut­lich euro­pa­weit der ers­te Todes­fall die­ser Art« gewe­sen sei. Die Akte Zoran D., Akten­num­mer 6KR/406265/2005, kann in den fol­gen­den Tagen rasch wie­der geschlos­sen wer­den. Zwei­fel blei­ben bei den Ermitt­lern kei­ne zurück.
Zoran D. ist der Tote aus dem Alt­pa­pier­con­tai­ner, von dem am Hei­li­gen Abend des ver­gan­ge­nen Jah­res kurz die Lokal­sei­ten der Zei­tun­gen erzählt haben. Mann hilf­los in Müll­au­to zer­quetscht, mel­de­te etwa der Kurier. Der Arbeits- und Obdach­lo­se, ein 34-jäh­ri­ger Ser­be, habe sei­nen Rausch in die­ser kal­ten Nacht in einem Abfall­be­häl­ter aus­ge­schla­fen, sei mor­gens in einen Trans­por­ter der Müll­rei­ni­gung gekippt und in des­sen Bauch von der hydrau­li­schen Pres­se erdrückt wor­den. Sei­ne Lei­che sei erst spä­ter auf einem För­der­band der Papier­sor­tier­an­la­ge ent­deckt wor­den. Ein tra­gi­scher Unfall eben, der einen der 500 bis 700 Namen­lo­sen ereil­te, die auch im Win­ter auf Wiens Stra­ßen ihr Dasein fris­ten. Die­ses Schick­sal aus der Gos­se pass­te natür­lich schlecht zur fest­li­chen Stim­mung die­ser Tage und ver­schwand auch sofort wie­der aus den Nach­rich­ten. Ledig­lich Ves­ti, die größ­te Zei­tung für die welt­weit ver­streu­te Gemein­de der Exil­ser­ben, kor­ri­gier­te weni­ge Tage spä­ter den Wis­sens­stand über den Unglücks­fall: »Wie­ner Zei­tun­gen haben Zoran fälsch­lich als Obdach­lo­sen bezeich­net. Das war er sicher nicht.«
»War­um soll­te Zoran in einem Papier­con­tai­ner schla­fen?« Moni­ka, die rumä­ni­sche Kell­ne­rin im Café Lam­ba­da auf der Klos­ter­neu­bur­ger Stra­ße ver­steht die Welt nicht mehr. Auch hier hat­te Zoran in sei­ner Unglücks­nacht noch Sta­ti­on gemacht bevor er in das Café Vic­to­ria, wo er zuletzt gese­hen wur­de, ein paar Blocks wei­ter zog.
Moni­ka ist jung. Sie hat rot gefärb­te Haa­re, trägt rosa Schu­he und einen knap­pen rosa Pul­li. Vorn zeigt sie Bauch, hin­ten wächst eine Täto­wie­rung aus der Hose. Zoran war mehr als ein Stamm­gast in ihrem klei­nen Reich. »Ein enger Freund«, sagt Moni­ka. »Er hat sich um mich geküm­mert.« Sie holt Fotos her­vor, auf­ge­nom­men nur kurz vor Zorans Tod. Sie zei­gen die bei­den, wie sie in trau­ter Zwei­sam­keit vor der The­ke posie­ren, die Dau­men opti­mis­tisch nach oben gestreckt: fröh­li­che Men­schen in einem Ambi­en­te, das stolz ist auf sei­nen blit­zen­den Vor­stadt­schick. Und sie zei­gen einen dicken Schlüs­sel­bund, der an der Gür­tel­schlau­fe von Zorans Jeans bau­melt. »Er hat­te min­des­tens 20 Schlüs­sel von allen mög­li­chen Loka­len, der muss­te nicht im Frei­en schla­fen«, erklärt Moni­ka. Einer davon hät­te Zoran auch die Woh­nung mit der Tür­num­mer 30 gleich über dem Lam­ba­da geöff­net. Zuletzt sei er damit beschäf­tigt gewe­sen, die­se Woh­nung, in der er sogar frü­her ein­mal gemel­det gewe­sen war, zu reno­vie­ren. Manch­mal, erzählt Moni­ka, habe Zoran, wenn es spät wur­de, auch auf einer Sitz­bank gleich neben der Bar geschla­fen. Oder wei­ter hin­ten, auf dem Bil­lard­tisch. Er sei ein­fach immer da gewe­sen. Sogar sei­ne Mut­ter habe bis zu drei Mal die Woche aus Kla­do­vo im Lam­ba­da ange­ru­fen, um ihren Sohn zu spre­chen. »Wann kommst du nach Hau­se?«, frag­te sie immer wie­der. Zu Weih­nach­ten, ver­sprach Zoran, wür­de er sich zum ers­ten Mal seit fünf Jah­ren end­lich wie­der auf die Rei­se in die Hei­mat bege­ben. Allen Freun­den und Bekann­ten erzähl­te er davon. Der Besuch bei den Eltern war fix beschlossen.
Als Zoran 1991 in Wien ein­trifft, erwar­tet ihn ein enges sozia­les Netz. Da sind vor allem sei­ne Frau und sei­ne Schwie­ger­el­tern, die Zoran in ihre Obhut neh­men. Die Fami­lie Sto­j­ko­vic gehört zur ers­ten Gast­ar­bei­ter­ge­nera­ti­on, die schon vor Jahr­zehn­ten in Wien sess­haft gewor­den ist, aber zugleich nie die Ver­bin­dung in die alte Hei­mat abrei­ßen ließ. Regel­mä­ßig reis­te die Fami­lie zu ihrem Haus in Kla­do­vo, besuch­te Freun­de und Ver­wand­te. Wäh­rend einer die­ser Auf­ent­hal­te hat­te Zoran sei­ne Frau Sil­vi­ja ken­nen gelernt. Ihre Hoch­zeit war ein gro­ßes Ereig­nis in der klei­nen Stadt. Zwar hät­te das Paar lie­ber in Wien gehei­ra­tet, doch Rei­se­do­ku­men­te für die vie­len Gäs­te auf­zu­trei­ben war natür­lich unmög­lich. Dann brach der Krieg aus, und nur knapp ent­kam ihm Zoran.
Und da ist in Wien auch sein Schwa­ger Dra­gan, des­sen Bru­der mit Zorans Schwes­ter ver­hei­ra­tet ist und in Detroit lebt. Dra­gan, heu­te ein drah­ti­ger Mann Ende der 30, war bereits in den Jah­ren vor dem jugo­sla­wi­schen Bür­ger­krieg als Stu­dent nach Wien gekom­men und als Gast­ar­bei­ter geblie­ben. Tags­über arbei­te­te er für ein Elek­tro­un­ter­neh­men, nachts als Tür­ste­her vor der Roten­turm Bar in der City. Als die Fami­lie ihn bat, sich um den Neu­an­kömm­ling aus Kla­do­vo zu küm­mern, nahm Dra­gan sei­nen Schwa­ger bereit­wil­lig unter die Fit­ti­che. Zoran wur­de sein Assis­tent. »Er hat zwar aus der Elek­tro­fach­schu­le gewusst, was Strom ist«, erin­nert sich Dra­gan, »aber wie man in Öster­reich arbei­tet, das habe ich ihm erst bei­brin­gen müs­sen.« Die bei­den mon­tie­ren gemein­sam Elek­tro­ge­rä­te und tei­len die Trink­gel­der. Bald darf Zoran hin und wie­der auch anstel­le sei­nes Schwa­gers vor der Roten­turm Bar kobern und Gäs­te in das schumm­ri­ge Eta­blis­se­ment locken. Dra­gan merkt aber schnell, dass auf sei­nen Schütz­ling erns­te Pro­ble­me zukom­men. Wäh­rend er dis­zi­pli­niert Schritt um Schritt eine Exis­tenz für sich und sei­ne Fami­lie auf­baut, galop­piert Zoran sprung­haft wie ein jun­ges Pferd durch die Stadt. Er ver­zet­telt sich, will mit allen gut Freund sein und stol­pert doch immer wie­der über sei­ne Bindungsunfähigkeit.
Im Nacht­re­vier der Roten­turm Bar hat Zoran sich mit Herrn Ernst ange­freun­det, einem Kell­ner, der in der Rot­licht­sze­ne gut ver­netzt ist. Er nennt ihn »Papa«. Als sich der väter­li­che Freund nach eini­gen Jah­ren am Gür­tel mit einem eige­nen Night­club, der Senat Bar, selbst­stän­dig macht, zieht Zoran mit ihm. Herr Ernst will den jun­gen Spring­ins­feld bei sich als Haus­elek­tri­ker ein­stel­len, doch Zoran ent­zieht sich dem Arbeits­ver­hält­nis mit Sozi­al­ver­si­che­rung und Steu­er­num­mer. Er drif­tet lie­ber unstet durch die Welt der Glücks­rit­ter, die ihr Geld rund um die Geis­ter­stun­de ver­die­nen und wie­der aus­ge­ben und spinnt über die Jah­re ein Geflecht von Bekannt­schaf­ten, Jobs und Loka­len, in denen er Wohn­recht genießt. »Da hin­ten hat er oft gele­gen«, erin­nert sich »Papa« Ernst, der als Pen­sio­nist heu­te Strick­ja­cke trägt und zeigt in der Senat Bar zum Ein­gang zu den Sépa­rées. Wenn kein Betrieb mehr war in dem trü­ben Schup­pen, über­nach­te­te Zoran gern in der Koje für das schnel­le Gür­tel-Glück: ein Bett, eine Dusche und ein Schild der Bun­des­wirt­schafts­kam­mer, auf dem »An Jugend­li­che wird kein Alko­hol aus­ge­schenkt« steht.
Ruhe­los navi­giert Zoran durch die ein­wan­de­rer­star­ken Bezir­ke Rudolfs­heim-Fünf­haus und Bri­git­ten­au. 80000 Ser­ben leben mit gül­ti­ger Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung in Wien, die meis­ten von ihnen in einer Art fusi­on world. Hier wird Ser­bisch, Kroa­tisch oder Rumä­nisch gespro­chen, auch wenn man schon seit drei oder vier Jahr­zehn­ten in Wien ansäs­sig ist und flüs­si­ges Jugo­deutsch beherrscht. Eine Welt, in der geges­sen, getrun­ken und gefei­ert wird wie daheim in Ser­bi­en und Kroa­ti­en und in der die eth­ni­sche Zuge­hö­rig­keit häu­fig die Freund­schafts­ban­de defi­niert. Eine Welt, in der die Men­schen oft schon seit 40 Jah­ren ihren ser­bi­schen Rei­se­pass und eine öster­rei­chi­sche Nie­der­las­sungs­be­wil­li­gung bei sich tra­gen. Es ist eine Welt mit einem weit aus­ge­brei­te­ten Gefühls­ho­ri­zont und mit engen Gren­zen. Weit über sein Klein-Kla­do­vo ist Zoran zeit sei­nes Lebens nicht hinausgekommen.
Die Fix­punk­te in die­sem Uni­ver­sum sind Vor­stadt­ca­fés, Nacht­bars und Gast­stät­ten, die Lam­ba­da und Vic­to­ria, Gala­xie, Mode­na, Senat Bar oder Pour Pla­tin hei­ßen. Ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger Abhän­gig­kei­ten, in dem sich Zoran ein­rich­tet und dau­er­haft ein Dut­zend Kun­den betreut.
»Zocki war der Bes­te«, schwärmt der Sibo Kahro­vic, der bos­ni­sche Wirt im Gala­xie auf der März­stra­ße in Rudolfs­heim-Fünf­haus. Zoran hör­te auf jede Men­ge Spitz­na­men. »Zocki« eben, oder »Stru­ja«, Strom. Oder »Tes­la«, nach jenem ser­bi­schen Elek­tro­in­ge­nieur und Pio­nier der Wech­sel­strom­nut­zung, der den ers­ten Radio­sen­der und die ers­te Fern­steue­rung ent­wi­ckelt hat. Auch im Gala­xie, laut Restau­rant­kri­tik ein »Tem­pel, der süd­öst­li­chen Grill­kul­tur geweiht«, küm­mer­te sich Zoran um die Elek­trik. »Hier lie­gen noch 100 Meter Kabel für die Alarm­an­la­ge«, sagt Herr Kahro­vic, »die konn­te Zocki nicht mehr fer­tig machen.«
Für Nacht­lo­kal­be­sit­zer instal­liert Zoran D. in all den Jah­ren Kli­ma­an­la­gen, Kühl­schrän­ke oder rote Later­nen und baut in ihre Schlit­ten Auto­ra­di­os ein. In ser­bi­schen, bos­ni­schen oder sonst dem Flair des Bal­kan ver­pflich­te­ten Cafés rüs­tet er die TV-Satel­li­ten­an­la­gen hoch, mon­tiert Flach­bild­schir­me und Laut­spre­cher. Spei­se- und Tanz­lo­ka­le, die von Geschäfts­leu­ten aus dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en geführt wer­den, sichert er mit Alarm­sys­te­men. Er war­tet die Elek­tro­ge­rä­te, repa­riert Geschirr­spü­ler und bes­sert die Abluft­an­la­gen nach. Über­all ver­traut man ihm. Die Schlüs­sel, die an sei­nem Hosen­gür­tel bau­meln, öff­nen ihm jeder­zeit Hin­ter­zim­mer, Sépa­rées, Neben­räu­me und Kel­ler­lo­ka­le. Als Elek­tri­ker eben­so unzu­ver­läs­sig wie begabt, bin­det die­ses Ver­trau­ens­ver­hält­nis Zoran enger an jene, die ihm ihre Schlüs­sel über­las­sen, als an sei­ne eige­ne Familie.
Die Bezie­hung zu sei­nem Schwa­ger Dra­gan lei­det indes. Zoran bleibt Geld schul­dig. Schämt sich. Bleibt Elek­tro­ma­te­ri­al schul­dig. Schämt sich mehr. Ent­zieht sich. »Gem­ma arbei­ten, Zoran«, ver­sucht Dra­gan sei­nen Schwa­ger Bei­ne zu machen. 30 oder 40 Euro in der Stun­de im Pfusch wären doch leicht ver­dien­tes Geld. »Aber er woll­te nicht.« Irgend­wann gibt Dra­gan die frucht­lo­sen Appel­le auf.
Über sei­ne Fami­lie spricht Zoran mit sei­nen neu­en Freun­den kaum. Dass er einen Sohn hat, wis­sen vie­le Bekann­te bis zuletzt nicht. Es spricht sich her­um, dass eines Tages Zorans Ehe den nächt­li­chen Eska­pa­den nicht mehr stand­hält und geschie­den wird. »Er hat halt sein Leben mit vie­len unkor­rek­ten Sachen beschwert«, klagt Schwie­ger­mut­ter Olga. Er habe begon­nen, mehr und mehr zu trin­ken, habe die fal­schen Leu­te ken­nen gelernt. »Es war schlimm«, erzählt die klei­ne, mol­li­ge Frau. »Ein­mal haben ihn Män­ner bewusst­los geschla­gen und mei­ner Toch­ter vor die Tür gelegt.«
Seit 35 Jah­ren lebt Olga Sto­j­ko­vic in Wien. Sie spricht flüs­sig gebro­che­nes Deutsch. In ihrer Zim­mer-Küche-Woh­nung im Par­terre eines Hau­ses in Gür­tel-Nähe und neben­an in der Woh­nung ihrer Toch­ter hat sie ver­geb­lich nach einem Foto ihres Schwie­ger­sohns gesucht. »Er hat alles mit­ge­nom­men. Die Kin­der­bil­der mei­ner Toch­ter, die Bil­der sei­ner Fami­lie, die Fotos sei­nes Soh­nes, die Bil­der von ihm selbst.« Sie hat kei­ne Ahnung, wo all die­se Erin­ne­rungs­stü­cke geen­det sein mögen. Ver­schol­len. Ihr bleibt nur der Schmerz dar­über, dass neben der Gedenk­ker­ze auf der Kre­denz nicht ein­mal ein Pass­bild an Zoran erinnert.
Olga hat ihren Schwie­ger­sohn geliebt. Und gehasst. Jetzt hat sie sein Tod, den sie sich nicht erklä­ren kann, krank gemacht. Sie weint. Und sie schimpft. All­zu leicht habe man sich sein schlim­mes Ende plau­si­bel machen wol­len. »Ich glau­be nicht, dass Zoran von allei­ne in die­sem Papier­kü­bel gelan­det ist«, sagt sie. »Der hat sicher jeman­dem Geld geschuldet.«
Alt­pa­pier wird in klei­nen und gro­ßen Con­tai­nern gesam­melt. Die klei­nen fas­sen 270 Liter, ein erwach­se­ner Mensch passt dort nicht hin­ein. Die 770-Liter-Model­le sind an der Deckel­un­ter­kan­te 1,29 Meter hoch, etwa 0,8 Meter tief und 1,25 Meter breit. »Auf­grund die­ser Maße wäre es also denk­bar, dass jemand da drin liegt«, meint Hans-Jörg Zerz von der MA48, der städ­ti­schen Müll­ab­fuhr. Wie die­ser Mensch aller­dings in den Behäl­ter gelangt, bleibt offen: Da die Con­tai­ner gebrauchs­üb­lich mit vier Rol­len und einem Deckel aus­ge­stat­tet sind, kip­pen sie leicht, wenn man sich von vorn auf sie stützt. Schwie­rig, das Gleich­ge­wicht zu bewah­ren. Zumal in alko­ho­li­sier­tem Zustand.
An Don­ners­ta­gen, also auch an jenem 22. Dezem­ber, wer­den rund um die Klos­ter­neu­bur­ger Stra­ße zwi­schen 6 und 14.00 Uhr etwa 500 Alt­pa­pier­be­häl­ter ent­leert. Dar­un­ter 129 gro­ße. Zwei Mal fährt der Sam­mel­wa­gen in die­ser Zeit zum Ent­la­den zu der Sortieranlage.
Gegen 8.30 Uhr hält der oran­ge­far­be­ne Trans­por­ter der MA48 vor dem Café Vic­to­ria. Aus dem Nach­bar­haus hat der »Vor­aus­ge­her« zwan­zig Minu­ten zuvor drei gro­ße, grü­ne Alt­pa­pier­con­tai­ner gezerrt, die in der bei­ßen­den Käl­te dar­auf war­ten, ent­leert zu wer­den. Nun rum­pelt der »Kip­per« einen Con­tai­ner nach dem ande­ren über die Geh­steig­kan­te zum Hebe­lift des Müll­wa­gens und lässt den Inhalt per Knopf­druck in die Lade­mul­de des Fahr­zeugs kip­pen. »Wenn ich in die­sem Moment einen höre, kann ich noch auf Stopp drü­cken«, erklärt der Kip­per der Ent­lee­rungs­tour 708: »Aber wenn einer unter lau­ter Kar­tons liegt, hört man bei dem Lärm eh nichts mehr.«
Am 22. Dezem­ber hören die Män­ner von der MA48 kein unge­wöhn­li­ches Geräusch. Bloß das Knir­schen und Rat­tern der hydrau­li­schen Plat­ten­pres­se, Modell Vario­press: Eine wagen­brei­te Metall­plat­te schiebt den Müll aus der Lade­mul­de tie­fer in den Bauch des Fahr­zeugs und kom­pri­miert ihn mit einem Druck von 270 Bar auf ein Vier­tel sei­nes ursprüng­li­chen Volu­mens. So been­de­te Zoran D. sein Leben. Unter dem hun­dert­fa­chen Druck eines Autoreifens.
In den letz­ten Jah­ren sei­nes Lebens bil­det Zoran D. mit Rob­by Beric ein ver­schwo­re­nes Duo. Fast täg­lich ste­cken die bei­den zusam­men. Rob­by und sein Stief­va­ter Bob­by Sto­ja­di­no­vic füh­ren zwei Loka­le, das Stamm­haus Lam­ba­da auf der Klos­ter­neu­bur­ger Stra­ße und die Piz­ze­ria Mode­na im 3. Bezirk. Sie bedeu­tet für die sozia­len Auf­stei­ger dem ehe­ma­li­gen Jugo­sla­wi­en einen Schritt hin­aus aus dem eth­ni­schen Geviert. In ihrem neu­en Lokal spre­chen sie meist Ita­lie­nisch, damit die Gäs­te an das authen­ti­sche Kolo­rit des Hau­ses glau­ben sollen.
Die Fami­lie hat es geschafft, das Insel­da­sein hin­ter sich gelas­sen und sich einen eige­nen Platz im kul­tu­rel­len Gemisch von Wien erobert. Und sie bie­tet Zoran ein neu­es Daheim. »Mei­ne Mut­ter hat gesagt: Bleib bei uns«, erin­nert sich Rob­by. »Aber er hat Angst vor Bin­dun­gen gehabt, vor dem orga­ni­sier­ten Leben.«
Auch in der Piz­ze­ria Mode­na legt Zoran Elek­tro­lei­tun­gen und mon­tiert Lam­pen. Auch dort ver­fügt er über eine Schlaf­stel­le mit dazu­ge­hö­ri­gem Schlüs­sel. Doch tage­lang taucht er ab, ver­schwin­det und ist plötz­lich wie­der da.
Die bei­den Freun­de quat­schen viel. Über Zukunfts­plä­ne etwa. Zoran erzählt, er möch­te zu sei­ner Schwes­ter nach Ame­ri­ka wei­ter­zie­hen. Oder nach Kuba. »Aber er hat nicht gespart, hat locker gelebt. Zu benei­den war er nicht«, sagt Robby.
Eines Tages, im Som­mer des ver­gan­ge­nen Jah­res, taucht Zoran mit einer Hals­ket­te auf, an der ein afri­ka­ni­sches Amu­lett hängt. Sei­ne neue Freun­din habe es ihm geschenkt, erzählt er, sie sei Afri­ka­ne­rin, und sie sei sei­ne Zukunft. Auch zu ihrer Woh­nung im 9. Bezirk, nur eine Donau­ka­nal­brü­cke vom Café Lam­ba­da und Café Vic­to­ria, den letz­ten Sta­tio­nen sei­nes Lebens, ent­fernt, habe er einen Schlüs­sel beses­sen, behaup­tet Rob­by. Ab und zu tau­chen die bei­den auch in Zorans Stamm­lo­ka­len auf, ein unge­wöhn­li­cher Anblick, der sich ein­prägt. In Zorans Bekann­ten­kreis macht die Geschich­te schnell die Run­de: Sie sei schön, reich, berühmt und habe sogar Bücher geschrie­ben, die man in einem Shop der Lug­ner City kau­fen kön­ne und die von weib­li­cher Geni­tal­ver­stüm­me­lung han­deln. Noch heu­te sind Zorans Ver­trau­te davon über­zeugt, auf dem Schutz­um­schlag von Schmer­zens­kin­der in der Autorin Waris Dirie die letz­te Flam­me ihres Freun­des wie­der­erken­nen zu kön­nen. »Ja, das ist die Frau«, sagt Rob­bys Schwes­ter Tina. Unent­wegt habe Zoran über sei­ne geheim­nis­vol­le Lie­be gespro­chen. »Ihr wer­det sehen, ich wer­de ein­mal Mil­lio­nen haben«, ließ er alle wissen.
Die UN-Son­der­bot­schaf­te­rin und Best­sel­ler­au­torin Waris Dirie ist viel in der gan­zen Welt unter­wegs. Es dau­ert daher lan­ge, bis ihr Mana­ger schließ­lich mit­teilt: »Frau Dirie sagt, sie ken­ne die­sen Mann nicht.«
An sei­nem letz­ten Lebends­abend sitzt Zoran D. gegen Mit­ter­nacht noch im Café Lam­ba­da und trinkt eine Tas­se Kaf­fee. Bob­by, der Lokal­be­sit­zer, drückt dem engen Fami­li­en­freund 50 Euro in die Hand, eine klei­ne Ges­te, wie sie unter den bei­den üblich war. »Wirst trin­ken heu­te?«, fragt er Zoran. »Na, nix, hat er gesagt.« Mit den 50 Euro, die er gera­de zuge­steckt bekom­men hat, füt­tert Zoran die Glücks­spiel­au­to­ma­ten und gewinnt 150 Euro. Von sei­nem Gewinn legt er der Nacht­kell­ne­rin zehn Euro auf die The­ke. »Schö­ne Weih­nach­ten, Schat­zi«, ver­ab­schie­det er sich und zieht wei­ter die Klos­ter­neu­bur­ger Stra­ße ent­lang ins nahe Café Vic­to­ria. Als er Stun­den spä­ter, gegen 4.30 Uhr, den Laden wie­der ver­lässt, ist Zoran nicht mehr ganz nüch­tern. All­zu viel habe er aber nicht getrun­ken, erin­nert sich Sali, der Café­be­sit­zer, an sei­nen Freund. 30 oder höchs­tens 40 Euro habe die Zeche aus­ge­macht, kein Grund zur Sorge.
Dann ver­liert sich die Spur von Zoran D. in der Nacht.
Auf­fäl­lig sei bloß, sagt Sali, der letz­te Zeu­ge, der Zoran leben­dig sah, dass sein berühm­ter Schlüs­sel­bund bis heu­te ver­schol­len ist.
Eine Bezirks­part­ner­schaft ver­bin­det Flo­rids­dorf mit dem Dis­trict Kat­su­shi­ka in Tokyo. Des­halb heißt die Stra­ße, wo man bei McDonald’s in die Stein­heil­gas­se abbiegt, Kat­su­shi­ka Stra­ße. Zorans Schwa­ger Dra­gan hat sich dort, an der Peri­phe­rie von Wien, in jah­re­lan­ger Klein­ar­beit ein Ein­fa­mi­li­en­haus gebaut, in das er mit sei­ner Fami­lie im Sep­tem­ber des ver­gan­ge­nen Jah­res ein­zog. Die Cari­tas unter­hält ein Lager für Sach­spen­den in der Nach­bar­schaft, die Shell Aus­tria AG einen Betriebs­sport­ver­ein, die Post ihr Post­zen­trum Wien Nord, und die Fir­ma Bunzl & Biach betreibt in der Stein­heil­gas­se 5–7 eine Papiersortieranlage.
Zu den auf­kom­mens­star­ken Zei­ten rund um Weih­nach­ten wird die 60-köp­fi­ge Stamm­be­leg­schaft von Leih­ar­beits­kräf­ten ver­stärkt. Bis zu hun­dert Lkw-Ladun­gen Alt­pa­pier wer­den an sol­chen Tagen ange­lie­fert. So kommt es, dass Selim Kas, den die EPC-Per­so­nal­lea­sing ver­mit­telt hat, an jenem 22. Dezem­ber vor einem Jahr noch gegen 17.00 Uhr an der Sor­tier­ma­schi­ne steht. Ein rie­si­ger Cater­pil­lar schau­felt den Papier­ab­fall vor die Anla­ge. Über ein För­der­band gelan­gen die gepress­ten Hau­fen zu einem Rüt­tel­sieb. Leich­te Papier­fet­zen wer­den dort von schwe­rem Kar­ton getrennt. Ein Low-Tech-Unter­neh­men: Was vorn rein­geht, kommt hin­ten, in zwei Hau­fen geteilt, wie­der her­aus, wird zu Bal­len gepresst und zum Recy­cling abtransportiert.
Mit einem Mal stoppt das För­der­band. Der fünf­te der sechs Sek­to­ren der Maschi­ne blo­ckiert, was um die­se Jah­res­zeit, zu der oft nas­ser Kar­ton die Anla­ge ver­klebt, nicht unge­wöhn­lich ist. Selim Kas klet­tert auf das Gerüst und schiebt den schwe­ren Plas­tik­vor­hang zur Seite.
Der Tote liegt auf dem Rücken. Selim Kas sieht dun­kel­blaue Fle­cken am Rücken. »Es war der größ­te Schock in mei­nem Leben«, erzählt er Wochen spä­ter in der Kan­ti­ne. »Aus­ge­rech­net ich. Hier arbei­ten nur Jugo­sla­wen. Ich bin der ein­zi­ge Türke.«
Auch die Foto­do­ku­men­ta­ti­on, die der Gerichts­me­di­zi­ner Chris­ti­an Rei­ter für den Akt zu dem Fall Zoran D. ange­legt hat, beginnt mit den Bil­dern 1 und 2 bei den Papier­ber­gen in der Anla­ge von Bunzl & Biach. Bil­der 8 und 9 zei­gen das Trans­port­band, auf dem Zorans Leich­nam gefun­den wur­de. »Ich war mir im ers­ten Moment nicht sicher, was pas­siert war«, berich­tet Rei­ter. »Die Poli­zis­ten haben nur gesagt: Jö, schaut der grau­sig aus.« Der Tote trägt Trus­sar­di-Jeans und einen dunk­len Pull­over, auf dem ein ehe­dem wei­ßer Adler auf der Brust vom Blut schwarz getränkt ist.
Bild 15 und 16: »Hier sehen Sie den Blut­stau im Kopf. Ich habe mir gedacht: Der Mann muss getre­ten, geschla­gen wor­den sein. «
Bild 25 und 26: »Die ent­klei­de­te Lei­che. Wir sehen star­ke Gewalt­ein­wir­kung im Brust­be­reich. Abnor­me Kno­chen­brü­che. Im ers­ten Moment denkt man, die­ser Mensch ist furcht­bar miss­han­delt worden.«
In drei­ßig Berufs­jah­ren hat Pro­fes­sor Rei­ter 9000 Lei­chen seziert. Das här­tet ab. Unge­rührt blät­tert er wei­ter. »Hier die Obduk­ti­on. Da wird die Sache klar. Ein Schä­del­bruch. Die Bauch­or­ga­ne in den Brust­korb gedrückt. Das dazwi­schen­lie­gen­de Zwerch­fell wur­de durch den Druck zer­ris­sen, Magen und Leber durch das Zwerch­fell in den Brust­raum gedrückt. Eine mas­si­ve Kom­pres­si­on des Rump­fes hat statt­ge­fun­den. Danach eine eben­sol­che des Schä­dels. Das hat zum Ersti­cken geführt. Ich bin hun­dert­pro­zen­tig sicher, dass er nicht miss­han­delt wurde.«
Auch den Blut­al­ko­hol­spie­gel hat Rei­ter gemes­sen. »1,7 Pro­mil­le hat­te er und 2,4 Pro­mil­le im Harn. Stun­den vor dem Tod war er also stär­ker alko­ho­li­siert als beim Ster­ben. Er muss sich nie­der­ge­schüt­tet haben«, ver­mu­tet der Professor.
Im Nor­mal­fall tritt der Hirn­tod nach etwa fünf Minu­ten ein. Bewusst­los wird das Opfer nach drei. Doch in die­sem Fall, erklärt der Gerichts­me­di­zi­ner, kom­me noch eine Herz­kom­pres­si­on hin­zu: »Wenn die Hydrau­lik schnell arbei­tet, ist die Sache in einer hal­ben Minu­te vorbei.«
Es gibt Rei­sen, da machen Klei­der Leu­te. Damals, vor vie­len Jah­ren, schenk­te die stol­ze Schwie­ger­mut­ter Olga Sto­j­ko­vic dem Bräu­ti­gam ihrer Toch­ter Sil­vi­ja ein Hoch­zeits­ge­wand, das ihm bei der Trau­ung in Kla­do­vo eine impo­san­te Sta­tur ver­lieh. Nun hat Olga ihren Schwie­ger­sohn für sei­ne letz­te Rei­se mit einem neu­en Anzug aus­ge­stat­tet. Zoran D. liegt in einem dun­kel­grau­en Drei­tei­ler in sei­nem Sarg, um den Hals eine Kra­wat­te, die rosa, blau und vio­lett gestreift ist. Er fährt heim.
Zorans Eltern kön­nen nicht für die Über­füh­rung ihres Soh­nes auf­kom­men, also wur­de in sei­nen Wie­ner Stamm­lo­ka­len gesam­melt. 2970 Euro sind zusam­men­ge­kom­men, 960 Euro aus dem Gala­xie, 660 Euro aus dem Vic­to­ria. Auch Zorans Freun­de, die sich von ihm im Hof des gerichts­me­di­zi­ni­schen Insti­tu­tes ver­ab­schie­den, spen­de­ten. Was schließ­lich übrig bleibt, wird sein Schwa­ger, der den Leich­nam beglei­tet, den Eltern in Kla­do­vo überreichen.
Einen Tag lang fährt Dra­gan von Wien aus durch das ver­schnei­te Ungarn bis in die ser­bi­sche Hei­mat­stadt. Zehn Minu­ten vor dem Lei­chen­wa­gen trifft er kurz nach Mit­ter­nacht ein. Der Sarg wird aus dem Trans­port­fahr­zeug gela­den. Eine Nacht wenigs­tens soll Zoran noch in sei­nem Eltern­haus verbringen.
Am nächs­ten Tag fol­gen 200 Men­schen dem Lei­chen­zug durch die klei­ne Stadt. Dra­gan trägt das wei­ße Kreuz, auf dem in gol­de­nen Buch­sta­ben Zorans Namen geschrie­ben steht. Der Sarg mit den sechs gol­de­nen Zier­schrau­ben bleibt wäh­rend des gan­zen Trau­er­ri­tu­als ver­schlos­sen. Die Eltern bit­ten zwar, noch ein­mal ihren Sohn sehen zu kön­nen. Zumin­dest das will ihnen Dra­gan aber ersparen.

Aus: DIE ZEIT, 20.12.2006 Nr. 52
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