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Montag, 28. Mai 2007

Wien hat den Knoten gelöst

Wolfgang Schönfeld
Der Mediziner Wolfgang Schönfeld, 51, lebt in Wien, weil ihm die Stadt die besten Bedingungen für den Aufbau des Biotech-Unternehmen Eucodis bot.


Alles Wesent­li­che ist in einer Woche im Früh­jahr 2004 pas­siert. Im Win­ter hat­te ich das Fir­men­kon­zept von Euco­dis erst­mals in Wien vor­ge­stellt. Da waren poten­ti­el­le Inves­to­ren und Pro­jekt­lei­ter vom Aus­tria Wirt­schafts­ser­vice (AWS) sowie vom Wie­ner Zen­trum für Inno­va­ti­on und Tech­no­lo­gie (ZIT) gela­den. Zwar freut sich jeder Poli­ti­ker, wenn er Top-Tech­no­lo­gien an sei­nem Wirt­schafts­stand­ort ansie­deln kann. Aber damals woll­te ein­fach nie­mand Geld in die Bio­tech­no­lo­gie ste­cken. Ein Jahr lang habe ich quer durch Euro­pa ver­sucht, Finan­zie­run­gen und einen Stand­ort für Euco­dis zu fin­den. Bald habe ich gemerkt, dass Wien mit Abstand das pfif­figs­te, das soli­des­te, das schnells­te Paket für uns schnü­ren würde.
Im Mai 2004 hat sich der Kno­ten inner­halb weni­ger Tage gelöst: Kaum war Euco­dis in Wien gelan­det, wur­de uns der ers­te Preis im Life Sci­ence Call des AWS zuge­spro­chen. Das brach­te neben 500.000 Euro Start­ka­pi­tal zusätz­li­che För­der­gel­der. Zur Ver­lei­hung waren Bür­ger­meis­ter, Pres­se, Funk und Fern­se­hen gela­den. Bis zu die­sem Tag hat­te uns nie­mand gekannt. Mit einem Schlag wuss­te die gan­ze Bio­tech-Sze­ne, wer wir sind. Groß­ar­tig. Dass dar­auf unse­re For­schungs­lei­te­rin Ange­la Sieg­ling und ihr Team noch in der sel­ben Woche mit dem drit­ten Platz im För­der­wett­be­werb „Fem­Power Vien­na 2004“ aus­ge­zeich­net wur­den – nun, bes­ser kann es ein jun­ges Unter­neh­men wohl nicht treffen.
Längst sind wir in Wien hei­misch. Wir haben 21 Mit­ar­bei­ter hier. Wir konn­ten wei­te­re For­schungs­för­de­rung und Ven­ture Capi­tal bekom­men. Und wir haben rich­ti­ge Ein­künf­te aus Indus­trie­ko­ope­ra­tio­nen. In Sum­me konn­ten wir in die­sen drei Jah­ren unge­fähr sie­ben Mil­lio­nen Euro aus­ge­ben. Dafür erwar­ten die Inves­to­ren aber jedes Jahr 30% Wert­stei­ge­rung beim Unternehmen.
Das Risi­ko ist dabei beträcht­lich: Wir ent­wi­ckeln neue Din­ge, von denen heu­te kein Mensch sagen kann, ob die auch funk­tio­nie­ren wer­den. Wir kon­zen­trie­ren uns auf rote und wei­ße Bio­tech­no­lo­gie, also auf Phar­ma­zeu­ti­ka und Indus­trie­en­zy­me. In einem Pro­zess, den wir „direc­ted evo­lu­ti­on“ nen­nen, schaf­fen wir in fünf Wochen das, wofür die Evo­lu­ti­on Mil­lio­nen Jah­re benö­tigt. Im Ergeb­nis gibt es dann mehr Nadeln im Heu­hau­fen – im Ide­al­fall wer­den unse­re For­scher infol­ge­des­sen beim Lösen ihrer Auf­ga­ben schnel­ler fün­dig und Euco­dis kann schnel­ler mit neu­en Pro­duk­ten auf den Markt gehen.
Wirk­lich erfreu­lich für uns alle war der Start hier in der Stadt: Vom Wie­ner Zuwan­de­rer­fonds bekommt man für 300 Euro im Monat ein gepfleg­tes Zim­mer mit Bad, Küche, Bett und einem Klei­der­schrank. So konn­te jeder von uns in Ruhe Woh­nung suchen. In Frank­reich, dem Sitz unse­rer Toch­ter­ge­sell­schaft, müss­ten wir für so etwas min­des­tens das Drei­fa­che auslegen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 22/2007
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