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Samstag, 05. Mai 2007

Der Bruder des Königs

Komlan Jean Kponvi-Dzaka
Komlan Jean Kponvi-Dzaka aus Lomé unterrichtet katholische Religion an der Landessonderschule Hinterbrühl.


Offi­zi­ell bin ich 1951 gebo­ren. Inof­fi­zi­ell schon 1945. Dazwi­schen lie­gen mei­ne sechs ver­lo­re­nen Jah­re. Eine Zeit, die in kei­nem Doku­ment der Welt auf­scheint, eine Zeit, die nicht mehr zählt.
Wer in Togo zur Schu­le geht, muss Eltern haben, die ein Schul­jahr bezah­len kön­nen. Aus die­sem Grund ist es ganz nor­mal, dass Kin­der erst mit neun oder zehn Jah­ren zum ers­ten Mal in die Schu­le kom­men. Weil das Bil­dungs­sys­tem aber vor­sieht, dass sie mit 15 Jah­ren ihren Abschluß machen, ändert man dann nöti­gen­falls das Geburtsdatum.
Auch ich wur­de erst mit elf ein­ge­schult. Dann kam eine wei­te­re Kom­pli­ka­ti­on hin­zu. Ich war mit mei­ner Mut­ter per Schiff an die Elfen­bein­küs­te gereist, wo ich drei Jah­re lang eine Mis­si­ons­schu­le besu­chen konn­te. Die­ses Kind hat Zukunft, mein­te der Pries­ter und hät­te mich ger­ne nach Euro­pa geschickt. Aber mei­ne Mut­ter nahm mich wie­der mit zurück nach Lomé. Zwar konn­te ich dort wei­ter zur Schu­le gehen. Beim Schul­ab­schluß aber stell­te sich dort her­aus, dass mei­ne Geburts­ur­kun­de ver­lo­ren war. Und weil die für das Ertei­len einer Matri­kel­num­mer unab­ding­bar ist, muss­te eine neue her. Bei die­ser Gele­gen­heit sind mei­ne ers­ten sechs Lebens­jah­re ver­lo­ren gegangen.
Spä­ter besuch­te ich ein Pries­ter­se­mi­nar. Wie ger­ne wäre ich Pries­ter gewor­den. Aber mei­ne Mut­ter woll­te, dass ich eine Fami­lie grün­de. Nach einer lan­gen Krank­heit muss­te ich das Semi­nar ver­las­sen und mich mit allen mög­li­chen Arbei­ten durchbringen.
Eine eige­ne Fami­lie habe ich bis heu­te nicht, aber 20 Geschwis­ter. Die meis­ten von ihnen leben noch und haben längst Kin­der und Kin­des­kin­der. Mein Vater ist lan­ge schon tot. Mei­ne Mut­ter wur­de vor neun Jah­ren auf offe­ner Stra­ße vom Mili­tär erschos­sen, auf dem Heim­weg vom Markt. Ursprüng­lich waren die Kpon­vis eine wohl­ha­ben­de Fami­lie, die Wäl­der und Län­de­rei­en besaß und sogar könig­li­che Wur­zeln hat. Mein jün­ge­rer Bru­der Kpon­vi Kod­zo Michel ist heu­te König von Lomé-Aflau, einem gro­ßen Bezirk der togo­le­si­schen Haupt­stadt. Seit 40 Jah­ren ist Togo eine Dik­ta­tur, aber vor die­ser Zeit war das Amt des Königs von gro­ßer poli­ti­scher Bedeutung.
Seit 20 Jah­ren leh­re ich nun katho­li­sche Reli­gi­on an der „Dr. Erwin-Schmut­ter­mei­er-Schu­le“ in der Hin­ter­brühl, in der kör­per­lich und geis­tig behin­der­te jun­ge Men­schen unter­rich­tet wer­den. Da bin ich dop­pelt gefor­dert, als Leh­rer und als Afri­ka­ner. Ich will den Kin­dern etwas von der viel­schich­ti­gen afri­ka­ni­schen Kul­tur ver­mit­teln. Dass ich dabei nicht immer auf offe­ne Ohren sto­ße, kann man sich leicht vor­stel­len. Man­che Kin­der sind eben begeis­te­rungs­fä­hig, ande­re nicht. Das ändert aber nichts dar­an, dass ich für mein Leben ger­ne Leh­rer bin.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 20/2007
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