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Sonntag, 10. Juni 2007

Kleiner Grenzverkehr

Dagmar Strobl
Die Juristin Dagmar Strobl, 39, berät österreichische Unternehmer im Weinviertel beim Erkunden tschechischer Märkte.


An jenem Tag im Novem­ber 1989, als sich unse­re Gren­zen im Zug der Sam­te­nen Revo­lu­ti­on öff­ne­ten, habe ich mich mit Stu­di­en­kol­le­gen um sechs Uhr früh auf den Weg gemacht. Wir woll­ten Bekann­te in Öster­reich besu­chen, ein­kau­fen, etwas anschau­en. Es war über­wäl­ti­gend, plötz­lich in der Mär­chen­welt die­ser gro­ßen Kauf­häu­ser zu ste­hen. In Zna­im muss­ten wir ja damals zu Weih­nach­ten noch Schlan­ge ste­hen, um Bana­nen oder Oran­gen kau­fen zu kön­nen. Trotz­dem woll­te ich nie irgend­wo anders leben. Zna­im, das ist mei­ne Hei­mat. Da lebt mei­ne Fami­lie. Da bin ich zuhause.
Obwohl ich seit 16 Jah­ren in Retz woh­ne, hat sich dar­an nichts geän­dert. Wenn mei­ne Mut­ter anruft, weil sie einen Schweins­bra­ten fer­tig hat, fah­re ich ein­fach die 17 Kilo­me­ter zu ihr. Die Bezie­hung zu einem Ret­zer hat mich in die Stadt gebracht. Aber ich kann nicht behaup­ten, dass ich jemals von zuhau­se weg gegan­gen wäre. Salz­burg oder Graz, das wäre etwas ande­res, da wäre ich weit weg. Aber ich hat­te immer mei­ne Fami­lie in der Nähe. Mein Sohn Phil­ipp ist in Öster­reich gebo­ren. Er spricht bei­de Spra­chen fließend.
Weil die Tsche­chen sport­lich viel akti­ver sind als die Öster­rei­cher, übt Zna­im eine gro­ße Anzie­hungs­kraft auf ihn aus. Dort kann er sechs Mona­te im Jahr Eis lau­fen, er kann Ten­nis, Sqash oder Flo­or­ball spie­len. Retz ist eine Klein­stadt und kann ihm all das nicht bie­ten. Vie­le Men­schen leben hier noch sehr zurück­ge­zo­gen. Vie­le muss man stän­dig moti­vie­ren, ein­mal etwas zu unternehmen.
Für mich ist es irrele­vant, dass ich heu­te noch mei­nen tsche­chi­schen Pass habe. Ich bin EU-Bür­ge­rin, so wie ich es auch als Öster­rei­che­rin wäre. Nur wenn Tsche­chi­en gegen Öster­reich spielt, ob Fuß­ball oder Eis­ho­ckey, macht die Staats­bür­ger­schaft einen Unter­schied: Ich wer­de immer zu den Tsche­chen halten.
Als Juris­tin ken­ne ich bei­de Rechts­sys­te­me. Ich spre­che bei­de Spra­chen. Als Ret­ze­rin und als Zna­i­me­rin bin ich auch mit den Sit­ten, mit der Men­ta­li­tät und den Bedürf­nis­sen der bei­den Völ­ker ver­traut. Im grenz­über­schrei­ten­den Arbei­ten habe ich dadurch einen Start­vor­teil. Unse­re Bera­tungs­fir­ma in Retz hilft öster­rei­chi­schen Unter­neh­mern beim Sprung über die Gren­ze, der ja heu­te in der Pra­xis gar nicht mehr so ein­fach ist, wie er ein­mal war. Der Markt ist für vie­le Pro­duk­te und Dienst­leis­tun­gen schon längst gesät­tigt. Zudem ist es sehr schwer, in Tsche­chi­en gut qua­li­fi­zier­tes und zuver­läs­si­ges Per­so­nal zu fin­den. Wir hel­fen, in dem wir Pro­jek­te ent­wi­ckeln, die auf bei­den Sei­ten posi­ti­ve Spu­ren hin­ter­las­sen und auch von der EU geför­dert werden.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 24 
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