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Donnerstag, 03. Juni 2010

Wenn im Prater die Träume blühen

Frank Robert
Der 42jährige Frank Robert hat vier Jahre lang den Wiener Prater fotografiert.


Eigent­lich war ich als Aus­stel­lungs­lei­ter der Inter­na­tio­na­len Foto­ta­ge Mannheim/​Ludwigshafen gera­de gut beschäf­tigt. Doch als mei­ner Frau ein Schau­spiel­enga­ge­ment am Wie­ner Volks­thea­ter ange­bo­ten wur­de, war die Sache klar. Wenig spä­ter übersiedelten wir in eine mir unbe­kann­te Stadt. Seit jenem Herbst­tag woh­nen wir nun in der Leopoldstadt.
Noch in Mann­heim hat­te ich mir vor­ge­nom­men, ein Wien-The­ma für mei­ne nächs­te Foto­ar­beit zu fin­den. Ich woll­te nichts insze­nie­ren, son­dern etwas foto­gra­fie­ren, was es schon gibt. Als ich bei den ers­ten Spa­zier­gän­gen den Pra­ter ent­deck­te, wuss­te ich gleich, was zu tun war. Vier Jah­re lang durch­streif­te ich die­ses Erleb­nis­uni­ver­sum mit mei­ner ana­lo­gen Roll­eiflex-Kame­ra. Dabei ent­stan­den über 5000 Mit­tel­for­mat­auf­nah­men, auf denen vie­le Din­ge zu sehen sind, die es jetzt schon nicht mehr gibt. Im Pra­ter wird stän­dig geschraubt und gestri­chen. Anla­gen, die beim Publi­kum nicht gut ankom­men, wer­den für die nächs­te Sai­son umge­baut. Was bei der einen Attrak­ti­on als Wand dien­te, wird für die nächs­te als Fuß­bo­den recycelt.
Die Galaxia, eine Kom­bi­na­ti­on aus Geis­te­r­und Hoch­schau­bahn, hat­te der Betrei­ber einst als Kind in einem Vergnügungspark in Ita­li­en ent­deckt. Als Erwach­se­ner ist er dort­hin zurückgefahren, um die Bahn für den Pra­ter zu kau­fen. Eines mei­ner Bil­der zeigt die­sen Rake­ten­wahn­sinn mit den klei­nen Häu­sern dahin­ter, in denen die Besit­zer woh­nen. Erstaun­lich, wie hier das nor­ma­le Leben an die bun­te Schein­welt angrenzt. Inzwi­schen muss­te die Galaxia einer Paint­ball-Are­na wei­chen. Die Wohn­häu­ser dane­ben ste­hen aber noch.
Anfangs zog mich die Lee­re im Pra­ter an. Nur ab und an tau­chen ein paar erleb­nis­hung­ri­ge Leu­te auf. Dem Kli­schee ent­spre­chend, müsste man jedoch eine vergnügungssüchtige Men­schen­men­ge sehen, zumal das Betre­ten des Are­als kei­nen Ein­tritt kos­tet. Für mich ist der Pra­ter ein Laby­rinth ver­schie­de­ner Bühnen, auf denen jeder sein eige­nes Erleb­nis insze­niert. Indem man sich in die­ser stark ame­ri­ka­ni­sier­ten Kunst­welt einer Rei­se­il­lu­si­on hin­gibt und den All­tag hin­ter sich lässt, befrie­digt er eine Sehn­sucht. Mei­ne Impres­sio­nen zei­ge ich nun in einer Aus­stel­lung in einer Otta­krin­ger Gale­rie namens anika handelt.
Es ist Luxus, so viel Zeit mit einem The­ma ver­brin­gen zu dürfen. Man muss dafür aber gut gerüstet sein. Jah­re­lang ohne Auf­trag und Hono­rar kon­se­quent zu arbei­ten erfor­dert star­ke Ner­ven und in mei­nem Fall einen Neben­job im Tele­fon­mar­ke­ting einer Tageszeitung.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 40/2009
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