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Mittwoch, 12. Mai 2010

Verdrängtes Erbe

Patricio Handl
Für den Grafiker Patricio Handl, 59, ist Migration ein Lebensthema.


Eigent­lich bin ich Gra­fi­ker. Aber zehn Jah­re mei­nes Lebens habe ich der Gas­tro­no­mie geop­fert. Ich eröff­ne­te ein Lokal in der Wie­ner Innen­stadt, weil ich mich ver­än­dern woll­te. Dass das ein Feh­ler war, wuss­te ich bald: der Job frisst einen auf. Aber es dau­er­te lan­ge bis ich schul­den­frei war und wie­der an Neu­es den­ken konn­te. Dazu kam, dass ich den Anschluss ver­lo­ren hat­te. Frü­her bas­tel­ten wir Lay­outs mit Letra­set und lie­ßen gar eine Auto-Zeit­schrift im Blei­satz dru­cken. Nach mei­nem Gas­tro-Aben­teu­er stan­den über­all Com­pu­ter, geheim­nis­vol­le Maschi­nen, von denen ich kei­ne Ahnung hatte.
Jetzt bin ich wie­der gut im Geschäft. Ich pro­du­zie­re Zeit­schrif­ten am lau­fen­den Band. Hoch­glanz­ma­ga­zi­ne für Luxus­tou­ris­ten: Wien-Exclu­siv, Salz­burg-Exclu­siv, Tirol-Exclu­siv. Jour­na­le für Auf­trag­ge­ber wie das AKH, die Wie­ner Gebiets­kran­ken­kas­se oder Amnes­ty Inter­na­tio­nal. Im Moment gestal­te ich Pro­spek­te für die WHO. Dass trotz Inter­net so viel gedruckt wird, stimmt mich zuver­sicht­lich: Print stirbt nicht.
Mein Lebens­the­ma ist die Migra­ti­on, das Fremd­sein. Mein Vater wur­de 1938 aus Wien ver­trie­ben. Mei­ne Mut­ter kam aus Uru­gu­ay. Mei­ne Stief­mut­ter, eine Jüdin aus Dres­den, muss­te 1933 emi­grie­ren. Ich bin in Chi­le gebo­ren und in Argen­ti­ni­en auf­ge­wach­sen. Mei­ne Schwes­ter lebt in Wien. Nur unser Bru­der blieb in Argen­ti­ni­en. Dass in mei­nem Freun­des­kreis vie­le Migran­ten sind, ver­steht sich. In den Wald­heim-Jah­ren beweg­te mich die­ser Hin­ter­grund zur Teil­nah­me am öffent­li­chen Dis­kurs. Ich kann nicht schrei­ben, aber gestal­ten. Und so begann ich, poli­ti­sche Pla­ka­te zu pro­du­zie­ren und die­se auf eige­ne Rech­nung zu ver­brei­ten. Als Migrant gehe ich mit einer gewis­sen Legi­ti­ma­ti­on an die­se The­men und kann daher auch mehr ris­kie­ren. Wich­tig ist mir immer, dass ich mei­ne Mei­nung unab­hän­gig von Sub­ven­tio­nen kund­tue. Mei­ne jüngs­te Pla­kat­se­rie wird im Mai in der Stadt affichiert.
Trotz aller Kri­tik füh­le ich mich hier in Wien zuge­hö­rig. Das war bei mei­nem Vater anders. Der wäre in sei­ner Schul­zeit am liebs­ten mit sei­nen Freun­den in der Hit­ler­ju­gend aktiv gewe­sen, nur um dazu zu gehö­ren. Sei­ne Stief­mut­ter hat­te ihm kurz vor dem Ein­marsch der Nazis eröff­net, dass sein Vater Jude sei. Das Juden­tum war in die­ser Fami­lie total ver­drängt. Von Gus­tav Mahler bis zu mei­nem Opa war man kon­ver­tiert, um im Leben vor­wärts zu kom­men. Die Erkennt­nis, dass sei­ne Groß­el­tern Samu­el Handl und Rosa Epstein hie­ßen, präg­te das Leben mei­nes damals 17jährigen Vaters. 1998 kehr­te er zum ers­ten und ein­zi­gen Mal nach Wien zurück. Er war gerührt, weil vie­les aus sei­ner Kind­heit noch da war: das Geschäfts­lo­kal der Eltern, der Hof dahin­ter, die Schu­le an der Stu­ben­bas­tei. Von alle­dem hat­te er uns zuvor nie erzählt. Er hat nie über Wien gespro­chen. Er war ein guter Verdränger.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 17/2010
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