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Donnerstag, 03. Juni 2010

Mitleid mit Stalins schönen Gebäuden

Tatia Skhirtladze
Die 32jährige Tatia Skhirtladze irritiert Passanten mit ihrer Kunst.


Ich habe in Wien Kunst­päd­ago­gik stu­diert. Da ich geor­gi­sche Staatsbürgerin bin, darf ich trotz mei­nes absol­vier­ten Unter­richts­prak­ti­kums nicht als Kunst­leh­re­rin arbei­ten. Zum Glück bin ich ohne­hin lie­ber Künst­le­rin. Meist rea­li­sie­re ich Instal­la­tio­nen und Pro­jek­te im öffent­li­chen Raum. Mein Geld ver­die­ne ich als Cut­te­rin bei diver­sen Filmprojekten.
Als Künst­le­rin bin ich viel unter­wegs. Mehr­mals im Jahr fah­re ich nach Geor­gi­en und in die Nie­der­lan­de, wo ich der­zeit am Dutch Art Insti­tu­te ein Post-Gra­dua­te-Stu­di­um absol­vie­re. Ver­gan­ge­nes Jahr hat das Insti­tut das inter­na­tio­na­le Kunst­pro­jekt „Hier im Zen­trum der Welt“ orga­ni­siert. Dabei haben ver­schie­de­ne Künstler ihre Arbei­ten in den Städ­ten Bei­rut, Damas­kus, Diyar­bakır, Ensche­de, Khar­to­um und Tai­pei prä­sen­tiert. Ich war für mei­nen Pro­jekt­bei­trag in die suda­ne­si­sche Haupt­stadt gereist. In Khar­to­um gibt es eine gro­ße Stra­ße, El Deam, an der wir arbei­ten soll­ten. An die­ser Stra­ße befin­den sich vier Fuß­ball­sta­di­en. Am Nach­mit­tag kom­men die Spie­ler. Jede Mann­schaft bringt ihr eige­nes Tor­netz mit, das sie für die Dau­er des Spiels an den Tor­stan­gen befes­tigt. Dar­auf bau­te mein Pro­jekt Goal auf. Ich kauf­te am Markt bun­te Plas­tik­sei­le in den Regen­bo­gen­far­ben, flocht dar­aus ein Netz und knüpf­te die­ses an eines der Tor­ge­rüs­te. Die unter­schied­li­chen Far­ben des Net­zes waren durch die Licht­bre­chung nur aus bestimm­ten Win­keln zu sehen. Inzwi­schen ist es sicher längst verschwunden.
Ein ande­res Pro­jekt ist die Gemein­schafts­ar­beit „Songs for a Buil­ding“ mit der öster­rei­chi­schen Künstlerin Inge­borg Strobl. Als Aus­stel­lungs­ort haben wir uns die Seil­bahn­sta­ti­on Mtaz­min­da in der geor­gi­schen Haupt­stadt Tif­lis aus­ge­sucht. 1990 stürz­te dort eine Gon­del auf ein Haus und begrub eine gan­ze Schul­klas­se unter sich. Seit­her steht die­ses wun­der­schö­ne sozia­lis­tisch-sta­li­nis­ti­sche Gebäu­de leer. Wir haben an acht auf­ein­an­der fol­gen­den Nach­mit­ta­gen dort Gesangs­kon­zer­te veranstaltet.
Und in Wien habe ich mich am Otta­krin­ger Brun­nen­markt beim Pro­jekt „Alles wird schön“ ein­ge­mischt. Der sozio­kul­tu­rel­le Wan­del wird dort sehr zwie­späl­tig auf­ge­nom­men. Mit der Sozi­al­an­thro­po­lo­gin Han­na Esezo­bor erkun­dig­te ich mich bei den Anrai­nern dar­über, was sie von den Ver­än­de­run­gen in ihrem Vier­tel hal­ten. An einer der Geschäfts­fas­sa­den hängt noch ein alte Uhr von einem Juwe­lier, der frü­her dort tätig war. Heu­te wer­den in dem Laden Klei­der für mus­li­mi­sche Frau­en ver­kauft. Aus die­ser Uhr her­aus haben wir zu jeder vol­len Stun­de eines der Inter­views abge­spielt. In Deutsch, Tür­kisch, Eng­lisch und Ita­lie­nisch. Alle haben die Stim­men gehört, aber nie­mand hat jeman­den spre­chen gesehen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 17/2008
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