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Freitag, 14. September 2007

Trotzki, Freud und 10.000 Bücher

Helmut Dahmer
Der emeritierte Sozialwissenschafter Helmut Dahmer, 70, führt ein arbeitsames Publizistendasein in seiner zur Privatbibliothek umfunktionierten Altbauwohnung.


Ich wur­de 1974 Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in Darm­stadt. Seit fünf Jah­ren bin ich eme­ri­tiert. Ein Pen­si­ons­schock blieb mir bis jetzt erspart. Ich kann end­lich mit Genuss das tun, was ich immer woll­te: unge­stört lesen und schrei­ben. Zu mei­nem Leben gehört auch, dass ich alle zwei Wochen nach Deutsch­land flie­ge, um mei­ne Mut­ter zu besu­chen. Sie ist 107 Jah­re alt, abso­lut luzi­de und lebt in ihrer eige­nen Woh­nung, von mir aus der Fer­ne betreut.
Was das Lesen betrifft, ist die Sache ein­fach: In mei­nen Kopf gibt es eine Lis­te mit vie­len noch unge­le­se­nen Tex­ten, so ist für Nach­schub gesorgt. Für mei­ne Schreib­pro­jek­te habe ich hier in der Woh­nung drei Tische und zwei Com­pu­ter bereit­ste­hen. Zwi­schen denen pend­le ich, von einem Pro­jekt zum ande­ren. Vor­dring­lich muß ich nun Die unna­tür­li­che Wis­sen­schaft, mein Buch über Freud und die Sozio­lo­gie, fer­tig bekom­men. Dane­ben arbei­te ich an 700 Sei­ten mei­ner gesam­mel­ten Auf­sät­ze, die in drei Tei­len publi­ziert wer­den sollen.
Vor kur­zem, bei der Lek­tü­re des Spie­gel, habe ich rea­li­siert, dass ich inzwi­schen Zeit­zeu­ge bin: „1967 – wie alles anfing“. Ich habe 50 Jah­re lang Tage­buch geführt und möch­te zunächst mei­ne Frank­fur­ter Auf­zeich­nun­gen aus den Jah­ren 1967/68 ver­öf­fent­li­chen. Und schließ­lich möch­te ich in nächs­ter Zeit die auf einer Neu­über­set­zung basie­ren­de Aus­ga­be der Schrif­ten von Leo Trotz­ki zu Ende brin­gen. Bis­her sind sie­ben dicke Bän­de mit Kom­men­ta­ren erschie­nen. Drei wei­te­re berei­te ich vor.
Der uni­ver­si­tä­re Lehr­be­trieb allein wäre für mich töd­lich gewe­sen. An den unbe­wäl­tig­ten Fol­gen der sozia­len Öff­nung der Hoch­schu­len hat sich ja eine gan­ze Gelehr­ten­ge­nera­ti­on zer­schlis­sen. Ich konn­te mich in die­ser Mise­re mit publi­zis­ti­schen Par­al­lel­ak­tio­nen wie der Trotz­ki-Aus­ga­be oder der Monats­zeit­schrift Psy­che über Was­ser hal­ten. Von 1968 bis 1992 habe ich als Sozio­lo­ge die­ses Forum der deutsch­spra­chi­gen Psy­cho­ana­ly­se redi­giert und her­aus­ge­ge­ben. Wir konn­ten in jenen Jah­ren die Auf­la­ge von 2.000 auf 7.000 Stück stei­gern. Alex­an­der Mit­scher­lich garan­tier­te mir zu Beginn 1.000 Mark im Monat und sag­te: „Machen Sie mal, Sie schaf­fen das schon.“ Hät­te ich damals rea­li­siert, wie­viel Kraft mich das kos­ten wür­de – ich hät­te mich sicher nicht auf die­ses Aben­teu­er eingelassen.
Nach Wien kam ich 1988, der Lie­be wegen, und begann, zwi­schen Frank­furt und Wien hin- und her­zu­pen­deln. Seit mei­ner Eme­ri­tie­rung lebe ich ganz in Wien. Hier konn­te ich end­lich all mei­ne Bücher aus drei Woh­nun­gen zusam­men­füh­ren, wohl an die 10.000 Bän­de. Frü­her waren Pri­vat­bi­blio­the­ken viel umfang­rei­cher. Einer mei­ner Leh­rer, Max Hork­hei­mer, besaß 20.000 Bücher. Hier vorn, im größ­ten Raum, habe ich die Phi­lo­so­phie und die Sozio­lo­gie unter­ge­bracht. Im Zim­mer dahin­ter ste­hen die Nach­schlag­wer­ke, dazu der gan­ze Trotz­ki, Marx, Engels und Geschich­te. Bel­les Let­t­res sind hier drü­ben, deut­sche Roman­tik, Sur­rea­lis­mus sowie jede Men­ge rus­si­sche und sowje­ti­sche Lite­ra­tur. Und auf der ande­ren Sei­te der Woh­nung lagert der Über­lauf, dar­un­ter die 30 Bücher, die ich zur Vor­be­rei­tung auf einen Auf­satz über Isaak Babel kon­sul­tiert habe.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 38/2007
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