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Donnerstag, 25. Juli 2013

Super Mario am Montmartre

Claudia Nickl
Die 27jährige Künstlerin Claudia Nickl ist unterwegs, suchend und immer wieder findend.


Nach 14 ver­ma­le­dei­ten Jah­ren im Mühl­vier­tel, im Kin­der­gar­ten, in der Volks­schu­le, in der Haupt­schu­le, immer als Außen­sei­ter, immer anders, immer sen­si­bel, hör­te ich von einer Kunst­schu­le in Linz, der HBLA für künst­le­ri­sche Gestal­tung. Spä­ter ent­wi­ckel­te ich in die­ser Schu­le zum ers­ten Mal das Gefühl, eine geis­ti­ge Fami­lie gefun­den zu haben. Nach eini­gen Jah­ren des Ler­nens im Sys­tem zog ich mich aber zurück und such­te mein eige­nen Rhyth­mus. Seit­her bin ich unter­wegs, suchend und immer wie­der fin­dend. Ich redu­zier­te mein Habe auf das Nötigs­te, ver­stau­te einen Rest wich­ti­ger Din­ge am Dach­bo­den mei­ner Eltern und ging.
Ich fand mich in Paris wie­der, in einer Stadt, in der ich nie­man­den kann­te, deren Spra­che ich nicht beherrsch­te. Ich kam mit einem Ruck­sack und sah die Chan­ce, mich wei­ter zu redu­zie­ren: auf mei­nen Namen und mei­ne Her­kunft. Ich stell­te vie­les auf den Prüf­stand, über­prüf­te Gewohn­hei­ten auf ihre Brauch­bar­keit. Ich woll­te wis­sen, was mir wirk­lich Freu­de macht und streif­te auf­merk­sam umher. Ich ver­brach­te Zeit in einer Spe­lun­ke am Mont­mart­re, spiel­te Schach und trank Whis­ky mit den Por­trät­ma­lern von der Place du Tert­re. Ich spür­te das Ver­lan­gen nach Far­be und dach­te, das sei eine alte Gewohn­heit. Irgend­wann besorg­te ich Arbeits­ma­te­ri­al und begann. Ich mal­te die Nacht durch. Und mit einem Mal war mir klar: Ja, ich kann, ich will, ich soll malen. Malen, das ist es, war­um ich hier bin. Zwei Wochen spä­ter hat­te ich ein Ate­lier im Süden von Paris orga­ni­siert. Ich war glück­lich und malte.
Seit­her lebe ich die­sen Rhyth­mus. Ich gehe, ich kom­me, ich fin­de, ich male. Es gab Zei­ten, in denen Geld so knapp war, dass ich in Gast­häu­sern anschrei­ben lies oder die Rech­nung mit Gemäl­den beglich. Kau­tio­nen und Mie­ten habe ich eben­so bezahlt. Vor kur­zem konn­te ich einen Schwung Gemäl­de ver­kau­fen, ein schö­ner Pols­ter, das Geld. Davor war es ziem­lich grau und kalt, ohne Hei­zung und Warm­was­ser. Das ist nicht lus­tig; inter­es­sant, da man krea­ti­ve Lösun­gen braucht, aber nicht lus­tig. Vie­le Men­schen fra­gen mich, war­um ich nicht ein­fach für Geld arbei­te. Eine fixe Arbeit für Geld – das wür­de ich mir als Faul­heit krumm neh­men,. Es muss sich was rei­ben, damit es glänzt. Ich bin wie Super Mario, gehe von Level zu Level und samm­le die Bonus­punk­te ein: jeder davon eine Erkenntnis.
Im Novem­ber spür­te ich, dass eine gro­ße, wich­ti­ge Arbeit ansteht. Es zog mich trotz Käl­te ins Ate­lier. Ich mach­te ein paar Pin­sel­übun­gen und dabei kam in einer Schnel­lig­keit etwas auf die Lein­wand, das ich vom Gefühl her kann­te. Etwas, das ich seit lan­gem gespürt hat­te. Etwas, von dem ich gewusst hat­te, dass es da war, dass es irgend­wann raus darf. Ich erkann­te zugleich, dass dies nur ein Anfang war, ein Weg­wei­ser. Wenn ich das nächs­te Mal den Pin­sel in die Hand neh­me, geht es weiter.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 29/2013
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