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Freitag, 16. Februar 2007

Spritztour zum Gemeindebau

Nico Goedert
Nico Goedert, 46, ist Arbeiter, kam wegen einer Frau nach Österreich und fährt heute Taxi in Wien.


Am 2. Mai 2000 bin ich aus Luxem­burg nach Wien über­sie­delt, wegen mei­ner Lebens­ge­fähr­tin. Ver­gan­ge­nen April haben wir uns getrennt. Da habe ich lan­ge über­legt, wie es wei­ter­ge­hen soll – ob ich allei­ne in Wien blei­ben oder wie­der zurück in mei­ne Hei­mat gehen soll. Schließ­lich ist die Ent­schei­dung aber ganz ein­fach gefal­len: ich bin Arbei­ter und habe mit mei­nen 46 Jah­ren kei­ne Chan­ce mehr, je einen ver­nünf­ti­gen Job zu fin­den. Erst recht nicht in Luxem­burg, wo es gro­ße Reich­tü­mer, aber eben kaum Arbeit für einen wie mich gibt. Da ist es bes­ser, ich blei­be als Taxi­fah­rer in Wien. Zumal mir Wien außer­or­dent­lich gut gefällt.
Ich habe frü­her alle mög­li­chen Jobs gehabt. Als Berufs­kraft­fah­rer habe ich gear­bei­tet, als Ver­si­che­rungs­kauf­mann, die längs­te Zeit als Richt­meis­ter: 13 Jah­re lang habe ich in einer Fabrik, in der aus 20 Ton­nen schwe­ren Blech­rol­len Karos­se­rie­tei­le für die Auto­in­dus­trie gefer­tigt wur­den, die Maschi­nen gerich­tet, sie also rich­tig ein­ge­stellt. Dann habe ich mei­ne Öster­rei­che­rin ken­nen­ge­lernt und bin nach Wien gezo­gen. Weil ich nach einem Arbeits­un­fall eine finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung bekom­men hat­te, muss­te ich nicht sofort arbei­ten. Mein ers­ter Job, als Por­tier für die Fir­ma Secu­ri­tas im Hotel Impe­ri­al, war dann so lang­wei­lig, dass ich es kaum beschrei­ben kann. Ich muß­te Rund­gän­ge machen, eine Woche Nacht­dienst, die nächs­te tags­über. Jede Schicht dau­er­te zwölf Stun­den. Es war unglaub­lich fad. Eines Tages wur­de ich arbeits­los. Und weil der Arbeits­markt schlecht war, habe ich beschlos­sen, Taxi­fah­rer zu werden.
Ich bin kein Groß­ver­die­ner, aber ich habe ich einen Job. Von sechs bis 18 Uhr bin ich jeden Tag unter­wegs. In der Früh ver­su­che ich im 21. Bezirk mein Glück, damit ich den Tag mit einer lan­gen Fahrt in die Stadt begin­nen kann. Nachts fah­re ich nicht, das ist zu gefähr­lich. Gera­de hat es ja wie­der einen Kol­le­gen erwischt – erschos­sen. Ich habe ihn nicht gekannt, er war ein Frem­der für mich, ein Mensch, der auch nur sein Geld ver­die­nen woll­te. Der muss­te so wie ich 60 Stun­den hart arbei­ten, um über die Run­den zu kom­men. Des­halb habe ich auch an der Gedächt­nis­fahrt teil­ge­nom­men, die Kol­le­gen nach sei­nem Tod orga­ni­siert haben: aus Soli­da­ri­tät sind wir mit unse­ren Taxis im Kon­voi durch die Stadt gefahren.
Manch­mal wun­de­re ich mich über mei­ne Gäs­te. Da sind wir in einer der schöns­ten Städ­te. Es gibt groß­ar­ti­ge Muse­en, tol­le Sehens­wür­dig­kei­ten. Man könn­te nach Schön­brunn fah­ren. Oder etwas aus dem Leben von Sig­mund Freud besich­ti­gen. Aber was wol­len die Men­schen? Sie las­sen sich zum Karl-Marx-Hof chauf­fie­ren. Vor allem die Ita­lie­ner. Irgend­wer hat denen erzählt, dass in Wien das längs­te Wohn­haus der Welt steht. Und des­halb darf ich sie zu einem Gemein­de­bau nach Hei­li­gen­stadt fahren.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 8/2007
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