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Freitag, 02. Februar 2007

Schöne, neue Einkaufswelt

Myung-Il Song
Myung-Il Song, 45, lebt als Designerin und Geschäftsfrau in Wien. Ihren Alltag versteht sie als ästhetisches Erlebnis.


Sehen Sie sich um: Die­ser Mode­la­den hier ist mei­ne Welt. Ich bin umge­ben von Schö­nem. Von ech­ten und ori­gi­nel­len Din­gen. Mode. Kunst. Design. Man­ches ist ver­spielt. Man­ches sehr sim­pel. Man­ches sehr luxu­ri­ös, ande­res wie­der nicht. Ich ver­tre­te nicht eine Linie, son­dern bin für sehr unter­schied­li­che Ansät­ze offen. Hier sehen Sie Stü­cke von Balen­cia­ga, dort hän­gen die Sachen von Wal­ter van Bei­ren­don­ck, hier Mar­tin Mar­gie­la, da Dirk von Sae­ne. Alles ganz indi­vi­du­el­le Desi­gner, die sich nicht anpas­sen. Man­che von ihnen sind schon sehr bekannt und kön­nen sich doch kein Auto und kei­nen Urlaub leis­ten. Die­se Men­schen leben so kom­pro­miss­los. Das färbt natür­lich ab, deren Ener­gien über­tra­gen sich auch auf mich.
Eigent­lich ist es nicht über­ra­schend, dass mich Mode fas­zi­niert. Schon mei­ne Groß­el­tern haben sich sehr auf Ihr Äuße­res kon­zen­triert. Es war in unse­rer Fami­lie immer wich­tig, wie man sich klei­det. Aber auch wie gekocht und geges­sen wird. Wenn mei­ne Mut­ter Mahl­zei­ten zube­rei­tet und ange­rich­tet hat, war das immer ein ästhe­ti­sches Erleb­nis für mich. Dass mein Vater Geschäfts­mann war, aber sein Freun­des­kreis exklu­siv aus Künst­lern und Schrift­stel­lern bestand, passt gut dazu. So bin ich groß gewor­den, und heu­te inter­es­siert mich alles, was schön ist.
Auf­ge­wach­sen bin ich in Bus­an, einer Groß­stadt im Süden von Süd­ko­rea. In Seo­ul habe ich ange­wand­te Kunst stu­diert. Weil mir die deut­sche Spra­che so gut gefiel und intel­lek­tu­ell erschien, bin ich hier­her­ge­kom­men. Mei­ne Freun­de gin­gen nach Paris. Dass ich nach Wien woll­te, konn­ten sie nicht ver­ste­hen. 1984 war das, im Win­ter. Da war Wien nicht nur sehr kalt, son­dern auch sehr lang­wei­lig. Ich kom­me aus einer gro­ßen Stadt mit vie­len jun­gen Men­schen. Dass hier alles so lang­sam war, dass nichts los war, das hat mich anfangs sehr ver­un­si­chert. Nach drei Mona­ten woll­te ich wie­der weg. Dann habe ich es aber doch noch ver­sucht. Habe Deutsch gelernt, Freun­de gefun­den, an der Uni­ver­si­tät für Ange­wand­te Kunst Gebrauchs­gra­fik stu­diert. Und schließ­lich mei­ne Diplom­ar­beit geschrie­ben, für die ich die Cor­po­ra­te Iden­ti­ty für ein klei­nes Luxus-Kauf­haus ent­wi­ckel­te. Vom Pla­kat bis zum Ver­pa­ckungs­ma­te­ri­al stamm­ten alle Designs von mir. Genannt habe ich die­ses fik­ti­ve Geschäft „Song“.
Nach dem Stu­di­um habe ich in der Wer­bung gear­bei­tet. Aber das war nicht mei­ne Welt, weil alles so ver­kaufs­ori­en­tiert ist: Was ich dort gemacht habe, war am Ende nie mei­nes, weil ich mich Kun­den­wün­schen immer fügen muss­te. Furchtbar.
Heu­te ist das anders, krea­tiv eben. Der Kun­de passt sich oft an mei­ne Welt an. Bei mir ist nicht Wien, nicht Paris, New York oder Lon­don, sage ich gern, bei mir ist „Song“.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 6/2007
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