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Dienstag, 15. März 2016

Remix mit Superheldinnen

Barbi Markovic
Barbi Markovic, 35, wird in Wien als Autorin berühmt.


Ich schrei­be nicht über Din­ge, von denen ich nichts weiß. Mei­ne Tex­te enste­hen also aus all dem Zeug, das ich aus mei­nem Kopf zie­hen kann. Wich­tig ist aber das Kon­zept, ein Rah­men, den ich mir sel­ber vor­ge­be, ein paar Regeln. Heu­te abend wird mein jüngs­tes Buch in Wien prä­sen­tiert, Super­hel­din­nen. Das ist ein Stadt­ro­man für den ich sechs Städ­te abge­schrie­ben habe: Graz, Wien, Sara­je­vo, Zagreb, Ber­lin und Bel­grad. Um eine Stadt abzu­schrei­ben gehe ich auf einen Platz und schrei­be auf, was ich lesen kann. Pla­ka­te. Wer­bun­gen. Graf­fi­ti. Ver­bots­schil­der. Vor ein paar Jah­ren war ich als Stadt­schrei­be­rin in Graz enga­giert. Damals habe ich die­se Metho­de für mich ent­wi­ckelt. Ein Heft. Ein Stift. Viel gehen. Man friert. Alles wird nass. Leu­te quat­schen einen an. Man wird ver­jagt. In Graz habe ich damals viel Kon­trol­len erlebt und vie­le Ver­bots­tex­te doku­men­tiert. In Sara­je­vo gab es das über­haupt nicht: kein ein­zi­ges Ver­bot, kein Mensch hat sich inter­es­siert für mein Tun. Zen­sur übe ich nur bei einer ein­zi­gen Sache: Auto­kenn­zei­chen. Die abzu­schrei­ben, ist mir ein­fach zu langweilig.
Nach­dem ich in jeder Stadt ein bis vier Wochen ver­bracht hat­te, muss­te ich mei­ne Notiz­hef­te tran­skri­bie­ren. Das ergab inge­samt 200 Sei­ten Mate­ri­al. Dar­aus woll­te ich dann den Stadt­ro­man schrei­ben, über das Stadt­le­ben heu­te, über Men­schen, die mit mir zusam­men ein Wir bil­den. Men­schen also, die Städ­te gewech­selt haben, Migran­ten. Es ist aber kein Migra­ti­ons­ro­man. Ich woll­te kei­ne Figu­ren, die Mit­leid erre­gen. Ich woll­te Men­schen beschrei­ben, die man cool fin­det. Super­hel­din­nen. So gese­hen bin ich zufrie­den mit dem, was mir gelun­gen ist. Ich habe das Gefühl, dass man das Buch so ver­ste­hen wird, wie es gemeint ist. Und jetzt? Jetzt wer­de ich erst­mal berühmt und dann schau­en wir weiter.
Mit dem Schrei­ben habe ich als neun­jäh­ri­ges Mäd­chen begon­nen. Es muss­te gleich ein Roman sein. Über einen Hund. Nach der vier­ten Sei­te gab ich das Pro­jekt aber auf. Und seit­her übe ich. Ich war nie wirk­lich zufrie­den mit dem, was dabei ent­stan­den ist. Erst über mei­ne Lek­to­rats­ar­bei­ten in einem klei­nen Bel­gra­der Ver­lag habe ich gelernt, Sachen über­haupt ein­mal fer­tig zu schrei­ben und dann zu bear­bei­ten. Bis dahin bin ich immer an mei­nem 100-Pro­zent-Anspruch gescheitert.
2003 war ich schon ein­mal als Ger­ma­nis­tik-Stu­den­tin mit einem Sti­pen­di­um in Wien. Damals beleg­te ich ein Semi­nar über Tho­mas Bern­hards Gehen. Ich habe aber immer geschwänzt und auch das Buch erst spä­ter dann in Bel­grad gele­sen. Aus Spaß fing ich damals an, Satz für Satz aus dem Wien der 1970er Jah­re in mei­ne Bel­gra­der Welt zu über­set­zen. Aus drei raun­zen­den Rent­nern wur­den drei Mäd­chen, die in den Bel­gra­der Clubs die Trost­lo­sig­keit ihrer Exis­ten­zen bejamm­mern. So ent­stand mein ers­tes Buch, Aus­ge­hen. Ich nann­te es einen Remix. Nicht nur der Metho­de wegen, son­dern auch weil die deut­schen Pop­li­te­ra­ten so oft nicht hiel­ten, was sie ver­spra­chen, wenn sie etwas Remix nannten.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 12/2016
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