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Samstag, 13. Februar 2016

Fremde unter Fremden

Mariam Wagialla
Mariam Wagialla, Architektin und Raumplanerin, musste mit ihrer Familie aus dem Sudan flüchten und lebt heute in der Steiermark.

Mari­am Wagi­al­la, Archi­tek­tin und Raum­pla­ne­rin, muss­te mit ihrer Fami­lie aus dem Sudan flüch­ten und lebt heu­te in der Steiermark.


Ich ging am 10. Novem­ber 2011 mit mei­nen drei Söh­nen aus Kart­ho­um weg. Als lei­ten­de Raum­pla­ne­rin in der Stadt­ver­wal­tung hat­te ich ver­sucht, Kor­rup­ti­on auf­zu­de­cken, und war dadurch mit mei­ner Fami­lie in Lebens­ge­fahr gera­ten. Die Stadt ist rie­sig. Immer mehr Arme haben immer weni­ger Platz, das frucht­ba­re Land am Nil wird an rei­che Ara­ber aus den Golf­staa­ten ver­kauft. Dabei ver­schwin­den gigan­ti­sche Sum­men in den Taschen einer kor­rup­ten Eli­te. Hät­te ich bei die­sen Deals mit­ge­macht, könn­te ich heu­te mit mei­ner Fami­lie in Dubai, in Malay­si­en oder sogar in Euro­pa leben – und zwar mit Geld, ohne Asyl. Ich habe der Gerech­tig­keit wegen aber den schwe­ren Weg gewählt – so wie ich das von mei­ner Mut­ter gelernt habe. Sie hät­te ihre Töch­ter ver­hei­ra­ten und dafür viel Geld bekom­men kön­nen. Sie woll­te aber, dass wir stu­die­ren kön­nen und hat dafür hart gear­bei­tet. Jeden­falls kamen wir am 23. Dezem­ber 2011 in Trais­kir­chen an und wur­den eine Woche spä­ter in die Stei­er­mark geschickt. Man kann sich als Asyl­wer­ber nicht aus­su­chen, wo man hin­kommt. In Ping­gau war Platz für uns.
Als ich am 3. Jän­ner 2012 dort den ers­ten Win­ter­son­nen­un­ter­gang erleb­te, war ich depri­miert und tief trau­rig. Es war einer der schlimms­ten Tage mei­nes Lebens. Mein Mann war noch im Sudan und wir waren hier allei­ne, Frem­de unter Frem­den. Mit mei­nen drei Kin­dern kam ich gera­de aus dem Super­markt, wo wir die ers­ten Lebens­mit­tel ein­ge­kauft hat­ten. Bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren kämpf­ten wir uns mit schwe­ren Taschen den Berg hin­auf. In die­sem Moment der völ­li­gen Ver­zweif­lung sprach uns eine Frau an, Ulli.
Das war der Beginn einer beson­de­ren Bezie­hung. Seit­her haben uns vie­le Men­schen gehol­fen. Im Ome­ga Frau­en Café. Im Deutsch­kurs. In den Schu­len. Phi­lo­so­phen sagen, dass der Moment der tiefs­ten Ver­zweif­lung eine Umkehr zum Guten bringt. Für mich war die Begeg­nung mit Ulli ein Licht der Hoffnung.
Nach drei­ein­halb Jah­ren in der Flücht­lings­un­ter­kunft haben wir Asyl bekom­men und nun auch eine eige­ne Woh­nung in Ping­gau bezo­gen. Mein Mann lebt inzwi­schen bei uns. Unse­re Söh­ne sind 15, 13 und neun Jah­re alt. Omer, der ältes­te, fährt jeden Tag nach Pin­ka­feld in die HTL. Er will auch Archi­tekt wer­den. Ich habe mei­ne Deutsch­kur­se abge­schlos­sen und schrei­be an der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur in Wien mei­ne Dok­tor­ar­beit in Land­schafts­pla­nung. Am Bei­spiel Kar­thum zei­ge ich, wie eine Stadt zu ent­wi­ckeln wäre damit sie für alle – für Arme und Rei­che, für Frau­en und Män­ner, für Kin­der und Alte – lebens­wert und fair ist. Mein Ver­gleichs­maß­stab ist Wien, eine Stadt, die die­sem Ide­al sehr nahe kommt. Kar­thum ist defak­to in Klas­sen unter­teilt. Wenn man in der 1. Klas­se wohnt, dann hat man alles: Stra­ßen, Elek­tri­zi­tät, Was­ser, Infra­struk­tur. Wer sich nur ein Leben drit­ter Klas­se leis­ten kann, haust in einer not­dürf­tig zusam­men­ge­stü­ckel­ten Hüt­te. Es gibt also genug zu tun für mich, wenn wir eines Tages wie­der nach Kar­thum zurück können.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 07/2016
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