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Freitag, 23. September 2016

Den Texten Seele geben

Mel Greenwald
Mel Greenwald, 65, genießt sein Leben und seine Arbeit als Übersetzer in Salzburg.


Mei­ne Hei­mat gibt es nicht mehr. Im 17. Jahr­hun­dert hat­ten sich Men­schen aus Hol­land in Cen­tral New Jer­sey ange­sie­delt. Dann kamen Eng­län­der und spä­ter die Iren, die das ame­ri­ka­ni­sche Kanal­sys­tem bau­ten. Schließ­lich zog es Katho­li­ken, Pro­tes­tan­ten und Juden aus Ungarn in die­se Gegend. Die fan­den Arbeit in den Fabri­ken. Mei­ne Groß­el­tern, arme Men­schen aus Debre­zen, waren ein typi­scher Fall. Sie kamen mit nichts. Und am Ende ihres Lebens hat­ten sie zwei stu­dier­te Kin­der, ein Haus und ein Akti­en­port­fo­lio. Die Fami­lie war in die Mit­tel­schicht auf­ge­stie­gen. In mei­ner Kind­heit war der All­tag von sol­chen Ein­wan­de­rern geprägt. Es gab eine Magyar Savings Bank, unga­ri­sche Tier­ärz­te und vie­le Polen, Grie­chen und Ita­lie­ner. Ihr Geld ver­dien­ten die­se Men­schen auf jenen Indus­trie­ar­beits­plät­zen, die inzwi­schen in Chi­na sind. Heu­te leben vor allem Lati­nos in der Gegend, die mei­ne Hei­mat war, Men­schen aus Kuba, Puer­to Rico, Mexi­ko und aus der Domi­ni­ka­ni­schen Repu­blik. Um in New Bruns­wick zu über­le­ben, braucht man kein Eng­lisch mehr, Spa­nisch reicht.
Als jun­ger Mann woll­te ich weg. Ich ging nach Chi­ca­go und wur­de Buch­hal­ter. Ich zog wei­ter nach Kali­for­ni­en, arbei­te­te für ein Unter­neh­men, das Hotel­pro­jek­te ent­wi­ckel­te, und wohn­te in Venice Beach direkt am Strand. Das war das Para­dies auf Erden. Spä­ter, als die­se Fir­ma auch in New York Pro­jek­te rea­li­sier­te, ging ich dort­hin. Und so lern­te ich 1989 mei­ne Frau ken­nen. Hel­ga, eine jun­ge Frau Magis­ter aus Öster­reich, war mit einem Ful­bright-Sti­pen­di­um in die Stadt gekom­men und auf der Suche nach einer Unter­kunft in eines unse­rer güns­ti­gen Sin­gle Room Occu­p­an­cy Hotels ver­mit­telt wor­den. Dass die­ser Laden eines Tages in einem Bericht der New York Times als Crack House ent­tarnt wer­den soll­te, konn­ten wir damals nicht wissen.
Seit 20 Jah­ren ver­die­ne ich mein Leben als Über­set­zer, groß­teils im Uni­ver­sum der Lin­zer Ars Elec­tro­ni­ca. Dort hat man erkannt, dass ich Sprach­ge­fühl, Fleiß und einen guten Mann­schafts­geist mit­brin­ge und betraut mich mit hoch­in­ter­es­san­ten Auf­ga­ben. Die Arbeit ist ein­sam: ich sit­ze mit mei­nem Arsch auf einem Stuhl vor dem Bild­schirm, that’s it. Ein­fa­che Din­ge kann heu­te der Com­pu­ter über­set­zen, Betriebs­an­lei­tun­gen etwa. Was ich mache, kann der Com­pu­ter aber nicht: ich for­mu­lie­re mit Tie­fe, gehe mit Phan­ta­sie ans Werk und gebe den Tex­ten See­le. Ich beherr­sche die Wer­be­spra­che und die aka­de­mi­sche Spra­che eben­so wie die Spra­che der jun­gen Online-Mil­len­ni­als. Natür­lich hilft der Com­pu­ter. Frü­her muss­te ich Wör­ter­bü­cher schlep­pen, heu­te ist der Bild­schirm voll mit Icons, die mich blitz­ar­tig auch auf hoch­spe­zia­li­sier­ten Tech­niks­lang zugrei­fen las­sen. Für Begrif­fe, die in einem Text häu­fig vor­kom­men, pro­gram­mie­re ich die Auto­kor­rek­tur im Word: ge plus Leer­tas­te = gene­tic engi­nee­ring. In die­sem Set­up bin ich sehr schnell.
Um fit zu blei­ben, löse ich jeden Tag ein Kreuz­wort­rät­sel. Beson­ders ange­tan haben es mir die ZEIT-Rät­sel. Die mache ich alle, jede Woche am Don­ners­tag „Um die Ecke gedacht“ und am liebs­ten die Preis­rät­sel. Lei­der habe ich noch nie etwas gewon­nen, nicht mal ein Rät­sel­heft. Ansons­ten kann ich nicht kla­gen. Wenn ich mein Dasein mit dem von Stu­di­en­kol­le­gen ver­glei­che, die als Juris­ten tätig waren bis sie der Kon­zern in die Wüs­te geschickt hat, bin ich beson­ders zufrie­den. Ich genie­ße mein Leben und mei­ne Arbeit. Ich bin happy.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 36/2016
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