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Mittwoch, 14. Februar 2007

Palmen und stinkender Tofu

Kristina Hofer
Kristina Hofer, 27, ist in ihrem Postgraduate-Programm an der National Central University von Taipei die einzige ausländische Studentin.


Nach­dem ich zwei Jah­ren in Peking stu­diert hat­te, ver­spür­te ich den Drang, mir auch ein­mal das ande­re Chi­na genau­er anzu­se­hen. Der hef­ti­ge Pro­pa­gan­da­be­schuss, dem ich als Aus­län­de­rin in der Volks­re­pu­blik Chi­na aus­ge­setzt war, ist mit­un­ter schon ziem­lich anstren­gend gewor­den. Wer das erlebt hat, bemerkt natür­lich gleich, dass das poli­ti­sche Kli­ma hier in Tai­pei wesent­lich fort­schritt­li­cher ist. Wäh­rend es in Peking gang und gäbe ist, Men­schen ein­fach ver­schwin­den zu las­sen, weil sie öffent­lich pro­tes­tiert haben, kam es hier rund um den Natio­nal­fei­er­tag im Okto­ber zu hef­ti­gen Pro­tes­ten gegen die Regie­rung. Sogar die Prä­si­den­ten­re­si­denz wur­de bela­gert. Als ich das ers­te Mal in der U‑Bahn eine Anti­re­gie­rungs­de­mo erlebt habe, bin ich in Panik gera­ten. Ich war mir in die­sem Augen­blick noch gar nicht so rich­tig bewusst, dass ich jetzt nicht mehr in Peking war und so eine Pro­test­kund­ge­bung daher eini­ger­ma­ßen unpro­ble­ma­tisch ist. Jeden­falls bin ich sicher­heits­hal­ber drei Sta­tio­nen vor mei­nem Ziel aus­ge­stie­gen – nass­ge­schwitzt und oben­drein irri­tiert über mei­ne blö­de Angst.
Dass ich jetzt in Tai­pei im Rah­men eines Post­gra­dua­te-Stu­di­ums Cul­tu­ral Stu­dies und Ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur stu­die­ren kann, bringt mir einen dop­pel­ten Vor­teil: Einer­seits wer­den mei­ne Chi­ne­sisch­kennt­nis­se auf­po­liert, ande­rer­seits erwei­tert sich mein Fach­wis­sen. Dem Stu­di­um kann ich mich hier ziem­lich inten­siv wid­men, was ich sehr genie­ße. In mei­nen frü­he­ren Stu­di­en­jah­ren habe ich neben­bei immer irgend­wo gear­bei­tet, als Kell­ne­rin, als Eng­lisch­leh­re­rin, als Psy­cho­geo­gra­fin, die auf eine neue Art und Wei­se die Uneben­hei­ten der Gesell­schaft erfor­schen will. Jetzt sit­ze ich den gan­zen Tag und einen guten Teil der Nacht nur über Büchern oder schrei­be Auf­sät­ze. Die­se Exis­tenz ist fast ein bissl stre­ber­haft. Manch­mal den­ke ich sogar: unsympathisch.
Tai­pei gefällt mir gut. Die Stadt ist viel tro­pi­scher, als ich gedacht hät­te. Über­all gibt es Pal­men und daher kein Herbst­laub auf den Stra­ßen. Mei­ne Mit­be­woh­nerin­nern – ich bin ja die ein­zi­ge Aus­län­de­rin in mei­nem Uni­ver­si­täts­lehr­gang – hal­ten mich manch­mal für ver­rückt, weil ich bei 22 Grad Cel­si­us noch immer in Flip­flopgs und T‑Shirt aus­ge­he, auch nachts. Was ich ganz und gar nicht ver­tra­ge, ist die­ser Stin­ke-Tofu. Der heißt in der wört­li­chen Über­set­zung wirk­lich so und macht sei­nem Namen alle Ehre. Man kann das Zeug an jeder Stra­ßen­ecke kau­fen, es gilt als Deli­ka­tes­se. Mich erin­nert es in Geruch und Geschmack immer an die Res­te, die man sich mit der Zahn­sei­de aus dem Gebiss holt.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 49/2006
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