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Freitag, 30. November 2007

Nachrichten aus dem Paradies

Daniela Swarowsky
Die 47jährige Daniela Swarowsky erforscht als Künstlerin, wie Gesellschaften mit dem Thema Migration zurecht kommen.


Ich den­ke viel nach, beob­ach­te, recher­chie­re. Ich lote aus, was Kunst heut­zu­ta­ge kann und darf. Im Rot­ter­da­mer Rat­haus habe ich im Rah­men mei­nes Pro­jekts „Dream­gar­den – Inter­nal Land­scapes“ hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen unter den 600 dort arbei­ten­den Beam­ten aus­ge­löst: eini­ge ver­such­ten, das immer wie­der aus­wu­chern­de Kunst­werk „Virus“ zu demo­lie­ren, wäh­rend ande­re es immer wie­der restau­rier­ten. Mit­un­ter haben Men­schen sogar an mei­nen Instal­la­tio­nen krea­tiv wei­ter­ge­ar­bei­tet. In einem Muse­um wäre so etwas völ­lig undenkbar.
Ein Schwer­punkt mei­ner Arbeit ist das The­ma Migra­ti­on. Gera­de bin ich aus Ägyp­ten zurück­ge­kehrt, wo ich mit mei­nem Part­ner, dem Anthro­po­lo­gen Samu­li Schiel­ke, an einem Doku­men­tar­film „Mes­sa­ges from Para­di­se“ arbei­te. Für vie­le jun­ge Ägyp­ter ist der Wes­ten eine idea­li­sier­te Pro­jek­ti­ons­flä­che, eine Art Para­dies. Anders als ihre Väter und Groß­vä­ter errei­chen sie die­sen Wes­ten nur unter gro­ßen Schwie­rig­kei­ten oder gar nicht. Die­sen Umstand stel­le ich im Film den Erzäh­lun­gen jun­ger ägyp­ti­scher Emi­gran­ten gegen­über, die ich in Wien ken­nen­ge­lernt habe. Nun tref­fen Ange­hö­ri­ge bei­der Grup­pen ja gele­gent­lich auf­ein­an­der, etwa in den Som­mer­fe­ri­en in Ägyp­ten. Dann spre­chen sie aber kaum über ihre Erfah­run­gen und Erwar­tun­gen. Es scheint, dass die Migran­ten zum einen nicht die gan­ze Wahr­heit über ihr oft schwie­ri­ges Leben im Wes­ten offen­le­gen wol­len, wäh­rend die im Land leben­den jun­gen Ägyp­ter, die vom Wes­ten träu­men, die­se ernüch­tern­den Schil­de­run­gen nicht hören wollen.
Film ist Neu­land für mich. Das Medi­um erlaubt mir, zwei unter­schied­li­che Posi­tio­nen in einen Dia­log zu set­zen. Eigent­lich stam­me ich aus einer Musi­ker­fa­mi­lie, mit der Mut­ter­milch habe ich klas­si­sche Musik auf­ge­so­gen. Ich selbst habe mich auf expe­ri­men­tel­le, impro­vi­sier­te elek­tro-akus­ti­sche und elek­tro­ni­sche Musik spe­zia­li­siert. Aus Wut auf den expe­ri­men­tel­len Musik­be­trieb, der wie der klas­si­sche auch männ­lich domi­niert ist, habe ich zuletzt eine Kon­zert­se­rie für Frau­en in der elek­tro­ni­schen Musik kuratiert.
Rot­ter­dam ist ein guter Boden für mei­ne Arbeit. Der größ­te Hafen Euro­pas prägt die Atmo­sphä­re eben­so wie der Umstand, dass der Migran­ten­an­teil über 50 Pro­zent liegt. Ich bin noch im Alter von 42 Jah­ren Haus­be­set­ze­rin gewor­den und lebe nun in einem Stra­ßen­pro­jekt namens „Wolf­art Kol­lek­tief“ mit 30 Künst­le­rin­nen und Künst­lern im Süden von Rot­ter­dam, in Oud Char­lois, einer etwas rau­hen Gegend. Jeder hat sei­ne eige­ne Woh­nung, mei­ne umfasst gar zwei Stock­wer­ke. Wir haben mit dem Haus­be­sit­zer einen zehn­jäh­ri­gen Nut­zungs­ver­trag aus­ge­han­delt und neben den Woh­nun­gen Kunst- und Pro­jekt­räu­me ein­ge­rich­tet. Weil mich das alles inklu­si­ve Hei­zung nur 170 Euro im Monat kos­tet, kann ich mich hun­dert­pro­zen­tig auf mei­ne Arbeit kon­zen­trie­ren. Wo gibt es das sonst noch in Europa?

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 49/2007
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