0
homeKlassentreffen in der Weltbank
Donnerstag, 15. November 2007

Klassentreffen in der Weltbank

Nella Hengstler
Die 32jährige Nella Hengstler führt Österreichs Außenhandelsstelle in Washington. Internationalität als Lebensprinzip hat sie schon in der Schule kennengelernt.


Der Wen­de­punkt in mei­nem Leben waren die Zeit im United World Col­lege (UWC) in New Mexi­co. Mit 200 Mit­schü­lern aus 76 ver­schie­de­nen Län­dern bin ich dort vom 16. Lebens­jahr an zwei Jah­re zur Schu­le gegan­gen – in Mon­te­zu­ma, einer Klein­stadt mit­ten im Nichts, am Ran­de der Wild­nis, drei Auto­stun­den von Albu­quer­que ent­fernt. Es war wunderbar.
Die Grün­dung des ers­ten United World Col­lege 1962 in Wales basier­te auf einem schlich­ten Gedan­ken: Wenn man jun­ge Men­schen unter­schied­li­cher Natio­na­li­tä­ten und Reli­gio­nen für ein paar Jah­re zusam­men­bringt, för­dert dies das gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis und trägt ein Stück zum Welt­frie­den bei. Mitt­ler­wei­le gibt es zwölf sol­cher Col­leges in aller Welt, erst 2006 wur­den die Schu­len in Cos­ta Rica und Mostar eröff­net. Mitt­ler­wei­le gibt es immer­hin fast 35.000 Absol­ven­ten aus 181 Ländern.
Mit mei­nen ehe­ma­li­gen Schul­kol­le­gen hat­te ich zunächst 13 Jah­re lang kei­ner­lei Kon­takt. Seit zwei Mona­ten bin ich nun als stell­ver­tre­ten­de Han­dels­de­le­gier­te in Washing­ton – und hier tref­fe ich sie alle wie­der. Mit­schü­ler aus Boli­vi­en, Bhu­tan, Nepal, Indi­en, den USA und Deutsch­land sind in Washing­ton und Umge­bung tätig. Nur in Lon­don ist die Dich­te an UWC-Absol­ven­ten so groß wie hier an der ame­ri­ka­ni­schen Ostküste.
Wenn ich zu Mee­tings in die Welt­bank gehe, füh­le ich mich gleich an mei­ne Schul­zeit erin­nert. Wie damals sit­zen unter­schied­lichs­te Men­schen an einem Tisch. Nur dass wir heu­te alle Anzug oder Kos­tüm tra­gen. Die Stadt Washing­ton kommt mir sehr gele­gen. Sie ist geprägt von Men­schen, die für ihre Jobs hier sind, die also meist sehr inhalt­lich ori­en­tiert und sehr glo­bal fokus­siert sind. Der Umgang mit­ein­an­der ist dadurch anders, viel­leicht behut­sa­mer, auf jeden Fall inter­es­sier­ter und welt­of­fe­ner als an den meis­ten ande­ren Orten, die ich kenne.
Ich habe zuerst in Neu-Delhi gear­bei­tet und dann zwei Jah­re in Ber­lin, als stell­ver­tre­ten­de Han­dels­de­le­gier­te. Anfangs erschien mir Washing­ton sehr klein­städ­tisch. Inzwi­schen gefällt es mir gut hier. Ich soll eine Dreh­schei­be für die diver­sen Pro­jekt­li­ni­en der Welt­bank auf­bau­en, um öster­rei­chi­schen Unter­neh­men den Zugang zu erleich­tern. Aus­ser­dem bin ich für die Export­kon­trol­le zustän­dig. Ein Bei­spiel: Heut­zu­ta­ge ist ja fast in allen Gütern irgend­wo ein Micro­soft-Patent ver­bor­gen. Zur Aus­fuhr die­ser Din­ge brau­chen Unter­neh­men dann die ent­spre­chen­de Lizenz und unse­re Hilfe.
Dass mein Vor­gän­ger hier ein papier­lo­ses Büro geführt hat, ist eine wah­re Glanz­leis­tung. Sehr lobens­wert. Mein Leben hat er damit aller­dings nicht leich­ter gemacht: Ich ver­brin­ge viel Zeit damit, die diver­sen Com­pu­ter-Archi­ve nach bereits vor­han­de­nen Infor­ma­tio­nen zu durchforsten.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 47/2007
Teilen Sie diesen Beitrag
© 2024 blinklicht media lab
blinklicht medien rat & tat gmbh
Heinestraße 34/1b
1020 Wien
UID: ATU 62892007
FN: 283345i
usercartmagnifiermenu-circlechevron-down-circle
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram