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Freitag, 14. Dezember 2007

Am Puls der Metropole

Christian Dozzler
Der 49jährige Christian Dozzler füllt als professioneller Blues-Pianist in Texas eine Marktlücke.


Es scheint auf den ers­ten Blick unver­nünf­tig, als öster­rei­chi­scher Blues-Musi­ker nach Texas zu gehen. Aber das Gegen­teil ist der Fall: Ich kam nach Dal­las und hat­te inner­halb weni­ger Tage einen gefüll­ten Ter­min­ka­len­der. Im Metro­plex Dallas/​Fort Worth leben sechs Mil­lio­nen Men­schen. Dort herrscht die größ­te Gas­tro­no­mie­dich­te der USA und zugleich ein ekla­tan­ter Man­gel an Blues-Pia­nis­ten. Per­fekt. An fünf Aben­den die Woche spie­le ich in einer der vie­len Wein­bars, packe anschlie­ßend mein E‑Piano wie­der ein und schla­fe im eige­nen Bett. Dadurch fal­len die Rei­se­stra­pa­zen weg und ich ver­die­ne nicht weni­ger, als wür­de ich durch die USA touren.
Der tra­di­tio­nel­le Blues ist längst eine wei­ße Ange­le­gen­heit. Wäh­rend jun­ge schwar­ze Musi­ker Soul, R&B, Funk oder Hip-Hop machen und die Musik ihrer Väter uncool fin­den, wird die jetzt von Wei­ßen gepflegt. Gera­de auch von euro­päi­schen Musi­kern. Ich bin ein klas­si­scher Ver­tre­ter die­ses Trends. Ich spie­le als Solo­pia­nist also Boo­gie Woo­gie und Bar­rel­house-Blues oder mit Band den Chi­ca­go Blues. Die­se puris­ti­sche Hal­tung kann man muse­al nen­nen. Aber sol­che Kate­go­rien stö­ren mich nicht. Mir geht es nicht dar­um, ein gro­ßer Erneue­rer zu sein, ich will Musik spie­len, die ich mag.
Der Blues funk­tio­niert auf einer nied­ri­gen emo­tio­na­len Ebe­ne, er passt zum Herz­schlag, hat etwas Natür­li­ches. Dem Kli­schee zufol­ge muss man eine har­te Kind­heit auf dem Baum­woll­feld gehabt haben, um guten Blues zu machen. In Wahr­heit ist es nur eine Fra­ge des Gefühls. Man muss sen­si­bel sein, um sich mit die­ser Musik aus­drü­cken zu kön­nen. Es geht im Blues ja nicht nur um Frau­en und Geld, son­dern um das Leben an sich. Lar­ry Gar­ner, der mich vor sie­ben Jah­ren in sei­ne Band und damit nach Ame­ri­ka geholt hat, spie­gelt in sei­nen Tex­ten die gan­ze Brei­te des moder­nen All­tags. Natür­lich hat so längst auch das Mobil­te­le­fon sei­nen Platz im Blues gefunden.
Als 14jähriger kam ich zum ers­ten Mal mit Blues in Berüh­rung. Mein Bru­der, ein Jazz-Fan, nahm ver­se­hent­lich eine Blues-Sen­dung im Radio auf und gab mir das Ton­band. Ich habe damals mei­nen ers­ten Boo­gie gehört und sah eine Per­spek­ti­ve vor mir: Genau das woll­te ich auch machen. Kla­vier­spie­len hat­te ich schon als Volks­schü­ler gelernt, jetzt muss­te ich den Blues lernen.
Wäh­rend sich mei­ne Schul­kol­le­gen für Deep Pur­ple und Pink Floyd begeis­ter­ten, wur­de ich durch mei­nen Musik­ge­schmack zum Außen­sei­ter. Ande­re haben erst John­ny Win­ter gehört und sind lang­sam zu den Wur­zeln vor­ge­sto­ßen. Ich habe mich über Plat­ten und Lite­ra­tur, die ich im Kel­ler der Buch­hand­lung Kup­pitsch fand, in die Musik der 1930er Jah­re ein­ge­ar­bei­tet. Wenn mir jemand Cross­roads von den Cream als gute Musik anpries, habe ich kalt erwi­dert: „Ja, ken­ne ich, Robert John­son, 1936.“ Die haben alle nicht gewußt, dass Rock­mu­sik vom Blues kommt.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 51/2007
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