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Donnerstag, 28. Juni 2007

Mutter allein zu Hause

Doris Räpple
Die Sekretärin Doris Räpple, 45, lebte zunächst als allein erziehende Mutter in Wien, dann zog ihr Sohn zu seinem Vater. Jetzt ist alles anders.


Ich koche ger­ne. Doch seit mein 13-jäh­ri­ger Sohn aus­ge­zo­gen ist, habe ich nur noch Pro­sec­co, Par­me­san und Nagel­lack im Eis­schrank. Für mich allein stel­le ich mich nicht an den Herd.
Ver­gan­ge­nen Som­mer hat Gabri­el ange­kün­digt, dass er künf­tig bei sei­nem Vater leben möch­te. Mit der Puber­tät wuchs offen­sicht­lich der Wunsch, dem Vater näher zu sein. Und so ist er mit Beginn des Schul­jah­res im Sep­tem­ber über­sie­delt. Alle Klei­der, die ihm zu dem Zeit­punkt gepasst habe, fan­den in einem Kof­fer Platz. Nach und nach haben wir ein paar Taschen mit Kram von hier nach dort geschafft. Zurück blieb ein Klei­der­schrank voll mit Din­gen, aus denen er her­aus­ge­wach­sen war.
Die neu­en Ver­hält­nis­se sind gewöh­nungs­be­dürf­tig. Im ers­ten hal­ben Jahr ohne Gabri­el ging es mir nicht gut. Ich muß­te mich neu orga­ni­sie­ren. Zuvor hat­te ich nie zuvor als Sin­gle in Wien gelebt. Nun muss­te ich ler­nen, aus­zu­ge­hen. Zwölf Jah­re lang hat mich mei­ne Umge­bung als Mama wahr­ge­nom­men. Wer mich sehen woll­te, muss­te einen Ter­min ver­ein­ba­ren, weil ich seit der Schei­dung immer eine Baby­sit­te­rin brauch­te. Jetzt kön­nen sich Freun­de spon­tan mit mir tref­fen. Bereit­wil­lig sprin­ge ich ein, wenn jemand sein Kon­zert- oder Thea­ter­abo nicht wahr­neh­men kann. Ich fin­de Gefal­len an den neu­en Umständen.
Das Erstaun­lichs­te ist, dass es nun scheint, als lägen wir in einem Trend. Seit Gabri­el aus­ge­zo­gen ist, habe ich im Freun­des- und Bekann­ten­kreis schon von drei ähn­lich gela­ger­ten Fäl­len erfah­ren. Kin­der, deren Eltern getrennt leben, zieht es in einem gewis­sen Alter offen­bar zu ihren Vätern. Nur spricht man da nicht ger­ne dar­über. Dass ein Kind von sei­ner Mut­ter weg will – das ist eigent­lich tabu. Unser Mut­ter-Sohn-Ver­hält­nis hat sich aber seit Gabri­els Aus­zug ver­bes­sert, also rede ich mit ande­ren Men­schen recht direkt dar­über. Und das führt dazu, dass sie sich mir gegen­über öffnen.
In Wien bin ich nur wegen Gabri­el. Weil sein Vater und ich dem Jun­gen nach der Schei­dung Sta­bi­li­tät geben woll­ten, fiel unser bei­der Wahl auf die Stadt. Mei­ne Hei­mat Ober­rot­weil kam nicht in Fra­ge: Tau­send Ein­woh­ner, das war mir immer zu klein. Ich habe zwölf Jah­re in Süd‑, Mit­tel- und Nord­ame­ri­ka gelebt. Ohne Kind wäre ich heu­te ver­mut­lich in Spa­ni­en zu Hau­se, das läge mir von der Men­ta­li­tät näher. Ich will über Wien nicht meckern, die Stadt ist in Ord­nung – sie liegt nur zu öst­lich. Bra­tis­la­va, Buda­pest, Prag, die man von hier aus gut errei­chen kann, inter­es­sie­ren mich nicht. Und selbst wenn ich zwei Stun­den gen Süden fah­re, bin ich erst in Graz. Noch mache ich kei­ne Plä­ne, aber gut mög­lich, dass es mich eines Tages nach Spa­ni­en verschlägt.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 26
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