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Donnerstag, 15. März 2007

Monument des Antikapitalismus

Geraint Williams
Geraint Williams, 46, ist Waliser, lebte elf Jahr als Englischlehrer in Spanien und arbeitet heute als Korrekturleser für die UN in Wien.


Elf Jah­re habe ich in Cas­tel­lon bei Valen­cia gelebt, bevor ich 1994 mei­ne Frau Mai­te ken­nen­ge­lernt habe – eine in Wien arbei­ten­de Spa­nie­rin, die gera­de bei ihrem Vater zu Besuch war. Wenig spä­ter habe ich mei­ne Sprach­schu­le über­ge­ben. Und bin mit Mai­te, die als Frem­den­füh­re­rin tätig ist, nach Öster­reich gekommen.
In Mit­tel­eu­ro­pa woll­te ich immer ger­ne schon leben. Und die Umstel­lung ist mir leicht gefal­len. Wien kann einem Frem­den gegen­über zwar recht hef­tig sein. Aber ich hat­te mit mei­nen damals 35 Jah­ren schon eine dicke Haut ent­wi­ckelt und war adap­ti­ons­wil­lig. Seit fünf Jah­ren haben wir nun auch einen Sohn. Er hat wesent­lich zu unse­rer Inte­gra­ti­on bei­getra­gen. Durch ihn ist unser Bekann­ten- und Freun­des­kreis ziem­lich ange­wach­sen. Und so bin ich im Grätzl im ach­ten Bezirk heu­te ein ganz nor­ma­ler, aner­kann­ter Mensch.
Eine Wei­le haben wir über­legt, gemein­sam in Spa­ni­en zu leben. Aber das geht nicht. Ver­gli­chen mit Wien ist Bar­ce­lo­na ein anstren­gen­der, lär­men­der Dschun­gel. Vie­le Men­schen, wenig Platz. Wien ist ruhig, gemäch­lich, total stress­frei. Unfass­bar, dass aus­ge­rech­net die Wie­ner so viel über Stress reden. In die­ser Stadt fährt man mit der Stra­ßen­bahn aufs Land. Die breit gefä­cher­ten Dienst­leis­tun­gen sind fast aus­nahms­los gut. Es gibt jede Men­ge schö­ne Schwimm­bä­der und wenig kom­mer­zi­el­len Druck. Gehen Sie ein­mal über die Ler­chen­fel­der Stra­ße. Mit ihren schmut­zi­gen Schau­fens­tern wirkt die­se angeb­li­che Ein­kaufs­stra­ße wie ein Monu­ment des Antikapitalismus.
Beruf­lich habe ich es gut getrof­fen. Anfangs habe ich mein Geld in Wien als Sprach­leh­rer ver­dient. Erst bei Ber­litz. Spä­ter am Wirt­schafts­för­de­rungs­in­sti­tut, an der Kran­ken­pfle­ger­schu­le und an der Sicher­heits­aka­de­mie. Da hat­te ich zwei Wochen lang acht Stun­den täg­lich vor 19 Poli­zis­ten eine Per­for­mance zu bie­ten – eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung. Dane­ben habe ich Bücher über­setzt, drei Stück über die Glet­scher­lei­che Ötzi. Und Rei­se­füh­rer geschrie­ben, über Wien.
Seit Herbst bin ich für die UNO als Kor­rek­tur­le­ser tätig. Ich ler­ne viel über Druck­sor­ten, Schrift­ar­ten und diver­se Com­pu­ter­pro­gram­me. Inhalt­lich sind die Sachen, die ich berar­bei­te, recht inter­es­sant. Es geht um Dro­gen, Kri­mi­na­li­tät, Ent­wick­lungs­hil­fe und Gesund­heits­the­men. Heu­te zum Bei­spiel habe ich viel über Tech­no­lo­gie­för­de­rung gelernt.
Obwohl ich vom Büro aus einen tol­len Blick auf das Gän­se­häu­fel habe, den­ke ich manch­mal weh­mü­tig dar­an, wie ich frü­her in den Ein­ge­wei­den die­ser Stadt unter­wegs war. An hel­lich­ten Tagen bin ich in irgend­ei­nem Beisl geses­sen und habe die Stadt genossen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 12/2007
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