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Mittwoch, 21. März 2007

Das Dilemma akzeptieren

Beate Winkler
Beate Winkler, 56, beobachtet als Direktorin des „European Monitoring Centre“ rassistische und fremdenfeindliche Tendenzen in Europa.


Die Wider­sprü­che Wiens sind fas­zi­nie­rend. Kei­ne ande­re euro­päi­sche Metro­po­le bie­tet soviel Bäu­er­lich­keit: wir leben in einer Groß­stadt und kön­nen trotz­dem mit der Stra­ßen­bahn in die Wein­ber­ge fah­ren. Oder: Ganz selbst­ver­ständ­lich lebt man hier mit einem beein­dru­cken­den Erbe an Diver­si­tät, mit einer wirk­lich prä­gen­den Viel­zahl unter­schied­lichs­ter kul­tu­rel­ler Ein­flüs­se. Und doch ist man in die­ser von Musik und Kul­tur domi­nier­ten Stadt mit den men­schen­ver­ach­ten­den und frem­den­feind­li­chen Pla­kat­pa­ro­len von FPÖ und BZÖ kon­fron­tiert. Das ist schwer erträglich.
Wie kann es uns gelin­gen, dass Men­schen mit unter­schied­lichs­ten kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Hin­ter­grün­den zusam­men leben kön­nen, ohne dass das Frem­de Angst macht? Das ist unser The­ma. Die­se posi­ti­ve Per­spek­ti­ve treibt unse­re Arbeit in der Beob­ach­tungs­stel­le an. Fremd­heit ist immer eine wider­sprüch­li­che Erfah­rung, sie ist fas­zi­nie­rend und ver­un­si­chernd zugleich. Poli­tik ver­sucht oft, die­se Wider­sprüch­lich­kei­ten zu ver­mei­den. Dabei ist es wich­tig, gera­de die Dilem­mas zu akzep­tie­ren. Weil wir kei­ne Kul­tur ent­wi­ckelt haben, mit die­sen Wider­sprü­chen umzu­ge­hen, ist das jetzt unse­re Her­aus­for­de­rung: Unser Den­ken und Han­deln nicht in Ent­we­der-Oder-Mus­tern abzu­wi­ckeln, anzu­er­ken­nen, dass mit Fremd­heit posi­ti­ve und nega­ti­ve Gefüh­le ver­bun­den werden.
Natür­lich könn­te ich mich dar­auf ver­stei­fen, dass mei­ne Arbeit eine mis­si­on impos­si­ble sei. Oder ich könn­te mich mit der Ein­sicht beschei­den, Sisy­phos müs­se ein glück­li­cher Mensch gewe­sen sein. Das hilft aber nicht wei­ter. Es geht dar­um, immer wie­der posi­ti­ve Stra­te­gien zu ent­wi­ckeln, den Humor nicht zu ver­lie­ren. Das habe ich von mei­nem Groß­va­ter gelernt: Er wur­de 1947 mit 65 Jah­ren von den Rus­sen aus Dres­den ver­schleppt. Weil er für die Ame­ri­ka­ner spio­niert haben soll, kam er für acht Jah­re in ein Berg­werk nach Russ­land. Doch als er 1955 mit 73 wie­der nach Hau­se kam, war er unge­bro­chen und hat nach vor­ne geschaut. Viel spä­ter erst, unter Gor­bat­schow, wur­de das Urteil gegen ihn auf­ge­ho­ben. Ich bin damals zum Grab mei­nes Groß­va­ters gegan­gen und habe dort eine Kopie des Fehl­ur­teils verbrannt.
Wir müs­sen auch ler­nen, ganz gene­rell mit Gefüh­len umzu­ge­hen. Die Auf­klä­rung hat unse­re Gesell­schaf­ten sehr geprägt: Ich den­ke, also bin ich, heisst es. Das ist aber zu wenig. Es geht näm­lich um mehr: Ich den­ke und füh­le, also bin ich.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 44/2006
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