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Donnerstag, 27. März 2008

Mit Lederkluft und Krawatte

Paul Schreyer
Der Statistiker Paul Schreyer, 48, leitet die Abteilung „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ bei der OECD in Paris.


Schon seit mei­ner Pro­mo­ti­on beschäf­tigt mich das Pro­blem, wie sich Pro­duk­ti­vi­tät mes­sen lässt. Ein paar Jah­re habe ich am IFO Insti­tut für Wirt­schafts­for­schung in Mün­chen in die­sem Bereich gear­bei­tet. Seit 20 Jah­ren bin ich hier in Paris bei der OECD, der Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung. Das Bes­te dar­an: Die Arbeit, die ich Tag für Tag tue, kommt mei­nen Ide­al­vor­stel­lun­gen immer noch sehr nahe. Die­se Mischung aus intel­lek­tu­el­ler Her­aus­for­de­rung und Inter­na­tio­na­li­tät ist sehr reizvoll.
In mei­ner Abtei­lung sit­zen 25 Leu­te. Wir stam­men aus zehn ver­schie­de­nen Natio­nen und haben stän­dig mit den Dele­gier­ten der 30 OECD-Län­der zu tun. Wir spre­chen Eng­lisch und Fran­zö­sisch. Und wir rei­sen häu­fig. Ich war zuletzt in Washing­ton, anschlie­ßend in Can­ber­ra und ges­tern erst in Luxem­burg. Dort ging es um die Fra­ge, wie die Pro­duk­ti­on neu­er Gesund­heits­dienst­leis­tun­gen adäquat zu mes­sen und öko­no­misch zu bewer­ten ist. Der Gesund­heits­be­reich unter­liegt einem rasan­ten tech­no­lo­gi­schen Wan­del. Die Behand­lung eines Herz­feh­lers erfolgt ja heu­te voll­kom­men anders als noch vor zehn Jahren.
Unse­re Auf­ga­be ist es, mit sta­tis­ti­schen Mit­teln zu beschrei­ben, wie sich das Wirt­schafts­wachs­tum in den OECD-Län­dern ver­än­dert. Dafür müss­sen wir uns vor­ab dar­auf eini­gen, wie die unter­schied­li­chen Pro­duk­te einer Volks­wirt­schaft – also bei­spiels­wei­se Herz­ope­ra­tio­nen – öko­no­misch zu bewer­ten sind. Bei einer Fla­sche Was­ser ist die Preis­än­de­rung über die Jah­re ein­fach zu doku­men­tie­ren. Bei einem kom­ple­xen Pro­dukt wie einem Com­pu­ter oder einer Gesund­heits­dienst­leis­tung ändern sich aber nicht nur die Kos­ten, son­dern oft auch das Pro­dukt an sich. Wie sol­che For­men von Pro­duk­ti­vi­tät in Zah­len zu fas­sen sind, muss immer wie­der neu ver­han­delt werden.
Nun darf man sich kei­ner Illu­si­on hin­ge­ben. Wer ver­sucht, mit Zah­len etwas über kom­ple­xe Volks­wirt­schaf­ten aus­zu­sa­gen, der soll­te wis­sen, dass die­ser Vor­gang not­wen­di­ger­wei­se mit Feh­lern behaf­tet ist. Dass unse­re Daten oft über­in­ter­pre­tiert wer­den, ist wohl den Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Polit­be­trie­bes und der Medi­en­land­schaft geschul­det. Gera­de in Wahl­kampf­zei­ten wird das Ergeb­nis unse­rer Arbeit immer wie­der mal zweckentfremdet.
Mein Kon­trast­pro­gramm zur Sta­tis­tik heißt BMW RT. Zwi­schen Woh­nung und Büro wür­de ich fast zwei Stun­den mit dem Auto oder weit über eine Stun­de mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln benö­ti­gen. Also zie­he ich die Leder­kluft über den Anzug und fah­re in 40 Minu­ten mit dem Motor­rad zu mei­nem Arbeits­platz, auch im Win­ter. Anders als in Öster­reich wer­den Mopeds und Motor­rä­der hier weni­ger in der Frei­zeit, son­dern viel­mehr in dem sehr dich­ten Berufs­ver­kehr genutzt.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 14/2008
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