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Donnerstag, 25. September 2014

Mit der U‑Bahn auf die Wiesn

Hias Schaschko
Hias Schaschko, 63, wirkt als „Intim-DJ Cpt. Schneider“, als Compilator und als Grafiker in München.


Aus­ge­bil­det wur­de ich als Che­mi­graf. Da wur­de einem bei­gebracht, wie man Bil­der für den Mehr­farb­druck foto­tech­nisch auf Zink- oder Kup­fer­plat­ten über­trägt und dort die nicht zu dru­cken­den Tei­le weg­ätzt. Spä­ter war ich als Strip­per beschäf­tigt, habe also in einer Repro­an­stalt ana­log das gemacht, was mitt­ler­wei­le der Com­pu­ter mit Pho­to­shop erle­digt: eine Hand mit einer Ziga­ret­ten­schach­tel in eine Land­schaft mon­tie­ren, so dass mit dem Bild für Ziga­ret­ten gewor­ben wer­den kann. Inzwi­schen übe ich so vie­le Tätig­kei­ten aus, dass ich gar nicht sagen könn­te, was mein Haupt­be­ruf ist. Als „Intim-DJ Cpt. Schnei­der“ lege ich Plat­ten auf, als Com­pi­la­tor stel­le ich CDs zusam­men, als Gra­fi­ker gestal­te ich Plat­ten­co­ver und Bücher. Dazwi­schen betrei­be ich auf schasch​ko​.de mei­nen Online-Shop, über den ich Post­kar­ten-Seri­en, jede Men­ge Bad­ges und als Spe­zia­li­tät auch mei­ne Badge-Rin­ge ver­trei­be. Im Augen­blick küm­me­re ich mich zudem dar­um, dass der „Shas­ko Herb Rub“ sei­nen Weg zur Kund­schaft findet.
So wie jede ande­re Fami­lie hat­ten auch wir einen Onkel in Ame­ri­ka, den Carl Schasch­ko, der 1923 von Salz­burg nach Detroit aus­ge­wan­dert ist, um in der Auto­in­dus­trie sein Geld zu ver­die­nen. Die­ser Groß­on­kel Carl hat­te eine gute Idee: er brach­te aus der Hei­mat Arni­ka mit und ent­deck­te in Ame­ri­ka die Lobe­lie, ein Glo­cken­blu­men­ge­wächs, das unter dem Namen „Indi­an Tob­ac­co“ von den indi­ge­nen Völ­kern als Medi­zin ein­ge­setzt wur­de. So hat der Carl den „Shas­ko Herb Rub“ krei­iert, einen Mix aus alter und neu­er Welt, den er als Ein­rei­bung gegen Mus­kel­ka­ter und Blut­ergüs­se ver­kauf­te. Pro­mi­nen­tes­ter Kun­de war die Eis­ho­ckey-Mann­schaft Detroit Red Wings. Mei­ne Cou­si­ne zeig­te mir eines Tages ein Eti­kett die­ser Fla­schen – als Gra­fi­ker habe ich dar­auf sofort reagiert. Der Apo­the­ker ums Eck ist auch gleich ange­sprun­gen und woll­te mir 60 Fla­schen davon machen. Weil mir das aber zu viel war, nahm er den Herb Rub in sein Sor­ti­ment auf. Und damit ihn nicht nur die Münch­ner kau­fen kön­nen, haben wir jetzt eine Web­site dazu gemacht.
1970 aus Salz­burg kom­mend war Mün­chen für mich die gro­ße Stadt. Salz­burg war – und ist ja immer noch – eine Klein­stadt, halt welt­be­rühmt. Das ergibt eine Mischung, die nur schwer aus­zu­hal­ten ist. Mün­chen war damals hin­ge­gen die deutsch­spra­chi­ge Pop­me­tro­po­le. In der damals ent­stan­de­nen Inde­pen­dent-Sze­ne bewe­ge ich mich bis heu­te. Ich hab das Gas­tro­kol­lek­tiv Cafe Ruf­fi­ni mit­be­grün­det, mache Art­work für die Tri­kont-CDs und für Fischre­cords, habe „The Sounds of Sex – die Geschich­te des Stöhn­songs von Blues bis Tech­no“ auf vier CDs her­aus­ge­bracht und den Zither­spie­ler Kraudn Sepp auf eine CD com­pi­liert. Jetzt kom­me ich lang­sam wie­der drauf, dass es auch in Salz­burg schö­ne Ecken gibt. Ich hab mir gera­de eine Ves­pa gekauft und düse damit durch die Land­schaft, in der ich auf­ge­wach­sen bin. Das ist herr­lich. Nur wenn ich dann in der Stadt die Leu­te seh, die beim Jeder­mann raus­kom­men, weiß ich wie­der, war­um ich dort nicht lebe. Dafür fahr ich jetzt mit der U‑Bahn auf die Wiesn und ess Weißwürste.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 40/2014
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