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Donnerstag, 20. August 2009

Künstler Nr. 1207

Baris Dilaver
Der Tänzer Baris Dilaver, 33, nutzt eine Rehabilitationsphase zur Produktion eines Dokumentarfilms.


Mei­ne Zwil­lings­schwes­ter woll­te Bal­le­ri­na wer­den, wäh­rend ich von einer Kar­rie­re als Pia­nist träum­te. Schon bald haben wir unse­re Träu­me getauscht. Sie ist Sän­ge­rin gewor­den – und ich begann als Zehn­jäh­ri­ger eine klas­si­sche Bal­let­aus­bil­dung in mei­ner Hei­mast­stadt Istan­bul. Dort war ich in einer Klas­se mit neun ande­ren Buben, die der Leh­rer in einem Wai­sen­haus rekru­tiert hat­te, um ihnen mit dem Tanz eine beruf­li­che Zukunft zu ermög­li­chen. Es gab eine umfang­rei­che Samm­lung von Tanz­vi­de­os, in der wir uns häu­fig bedien­ten. Früh schon wuss­te ich, dass ich eines Tages in Wien oder New York tan­zen woll­te. Nach­dem mir die tür­ki­sche Tän­ze­rin Nil­ay Yesil­te­pe, die einst mit Rudolf Nure­jew auf der Büh­ne gestan­den war, zu einer Audi­tion in Deutsch­land und damit zu einer Aus­bil­dung an der Stutt­gar­ter John Cran­ko-Schu­le für Bal­let ver­hol­fen hat­te, öff­ne­te sich die­se Welt für mich.
Zwei Jah­re hin­durch tanz­te ich im Wie­ner Staats­opern­bal­let gro­ße Rol­len wie den Puck in John Neu­mei­ers Som­mer­nachts­traum. Ich arbei­te­te mit Cho­reo­gra­phie-Legen­den Rena­to Zanella und Wil­liam For­sy­the. Ich teil­te die Büh­ne mit groß­ar­ti­gen Tän­zern wie Bri­git­te Stad­ler und Vla­di­mir Malak­hov und wur­de Solo­tän­zer an der Wie­ner Volks­oper. Tanz­stü­cke wie Lizz Kings Cara­vag­gio mit der Rol­le des Cupi­do weck­ten mein Inter­es­se für moder­nen Tanz. Oben­drein ent­deck­te ich in jenen Jah­ren den Film als Aus­drucks­me­di­um und begann, die Arbeit von Künst­lern wie Isma­el Ivo zu dokumentieren.
Heu­te mün­det all das in ein gro­ßes Doku­men­tar­film­pro­jekt. Nach mei­ner klas­si­schen Kar­rie­re bekam ich das Ange­bot, im Cir­que du Sol­eil als ers­ter Tän­zer in der Pro­duk­ti­on Dra­li­on mit­zu­wir­ken. Anschlie­ßend war ich über zwei Jah­re lang in Deli­ri­um enga­giert, der bis dahin größ­ten Pro­duk­ti­on des Cir­que, mit der wir in 150 Städ­ten gas­tier­ten. Da herrscht ein unvor­stell­ba­res Tem­po, 12 Tour­bus­se und 22 Trucks sind unter­wegs. Jeden drit­ten Tag kommt man in eine neue Stadt. Die größ­ten Büh­nen wie etwa der Madi­son Squa­re Gar­den in New York sind ausverkauft.
Die­se Erfah­rung hat mein Leben nach­hal­tig ver­än­det. Nach diver­sen Knie‑, Schul­ter und Ell­bo­gen-Ope­ra­tio­nen bin ich nun seit zwei Jah­ren rekon­va­les­zent. Eine Zeit, die ich inten­siv genutzt habe: Die gan­ze Deli­ri­um-Pro­duk­ti­on hin­durch habe ich Video­auf­nah­men gemacht. Jetzt bin ich bei der End­fer­ti­gung mei­ner auto­bio­gra­fi­schen Doku­men­ta­ti­on Deli­ri­um – Through the Eye of the Artist 1207. Die 1207 war mei­ne Zim­mer­num­mer in Mont­re­al wäh­rend der drei Mona­te dau­ern­den Pro­ben zu die­ser Produktion.
Als Künst­ler konn­te ich bis­her Asi­en, Euro­pa und Nord­ame­ri­ka inten­siv ken­nen­ler­nen. In man­chen Lebens­pha­sen war mei­ne Umge­bung so mul­ti­kul­tu­rell, dass ich mich fast zwangs­läu­fig auf mei­ne Wur­zeln beson­nen habe. Da erkann­te ich, dass ich inzwi­schen sehr stark von Wien geprägt bin. Hier habe ich gelernt, das Leben gelas­sen, aus mei­ner ganz eige­nen Per­spek­ti­ve zu sehen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 34/2009
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