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Montag, 04. Juni 2007

Keine Angst vor Veränderung

Katharina Knaus
Die 37jährige Wiener Juristin Katharina Knaus arbeitet als Frauenforscherin in Istanbul und wohnt am europäischen Ufer des Bosporus.


Ich bin ger­ne in Istan­bul, es gibt nach wie vor viel zu ent­de­cken. Eine Wei­le möch­te ich noch blei­ben. Aber mein Mann und ich haben schon eine Lis­te von Städ­ten im Kopf, in denen wir ger­ne leben wür­den. Wir zie­hen alle paar Jah­re um, aus Neu­gier. Irgend­wann wer­den wir hof­fent­lich in Paris leben.
Mei­ne Angst vor Ver­än­de­run­gen habe ich 1998 ver­lo­ren, in einem Flücht­lings­la­ger in Sara­je­wo. Ich habe für ein For­schungs­pro­jekt Men­schen inter­viewt, die aus dem Koso­vo flüch­ten muss­ten. Sie erzähl­ten mir, wie ihre männ­li­chen Ver­wand­ten von ser­bi­schen Para­mi­li­tärs getö­tet wur­den. Sie selbst hat­ten ihr nack­tes Leben ret­ten kön­nen. Aber nun waren sie unter schlech­ten hygie­ni­schen Bedin­gun­gen in einer auf­ge­las­se­nen Coca Cola-Fabrik unter­ge­bracht. Es war Win­ter, es gab kei­ne Hei­zung, nur ein paar Woll­de­cken auf dem Beton­bo­den. Die Men­schen hat­ten kaum Hoff­nung auf eine Ver­bes­se­rung ihrer Lebens­um­stän­de. Eini­ge Fami­li­en hat­ten Kin­der, die in Deutsch­land auf­ge­wach­sen waren. Man hat­te sie vor dem Krieg in den Koso­vo abge­scho­ben, von wo sie dann nach Bos­ni­en flüch­ten muss­ten. Eine die­ser Fami­li­en leb­te für eine Wei­le mit uns in Sara­j­wo, auch über die Weih­nachts­ta­ge. Eine bewe­gen­de­re Fei­er habe ich nie erlebt.
Seit­her sehe ich die Welt mit ande­ren Augen. Ich habe gelernt, dass man etwas bewir­ken kann, wenn man nur will. Vor einem Jahr wäre die tür­ki­sche Schu­le mei­ner Toch­ter zwei Wochen vor Schul­be­ginn bei­na­he wegen Spar­maß­nah­men geschlos­sen wor­den. Mit ande­ren Betrof­fe­nen habe ich mich auf den Weg zu den Ämtern gemacht. Es schien aus­sichts­los. Bei einem Tref­fen muss­te ich für die ande­ren Eltern spre­chen – vie­le der Müt­ter waren schüch­tern, die meis­ten tru­gen Kopf­tü­cher. Es ist uns gelun­gen, den Istan­bu­ler Gou­ver­neur auf unse­re Sei­te zu bekom­men. Und sie­he da: Die Schu­le blieb geöff­net. Inzwi­schen hat man sogar den alten Koh­le­ofen im Kel­ler durch eine Gas­hei­zung ersetzt.
Als For­sche­rin beschäf­ti­gen mich in der Tür­kei Frau­en­the­men: Mäd­chen auf dem Land, die nicht zur Schu­le gehen; der nied­ri­ge Pro­zent­satz berufs­tä­ti­ger Frau­en; ein Par­la­ment mit weni­ger als fünf Pro­zent Frau­en­an­teil. In den drei Jah­ren, die wir hier leben, habe ich inten­siv Tür­kisch gelernt. Mei­ne drei Töch­ter, gebo­ren in Wien, Ber­lin und Istan­bul, gehen in die tür­ki­sche Grund­schu­le und den Kin­der­gar­ten. Wenn wir mit ihnen durch Ana­to­li­en rei­sen, spie­len sie auf den Stra­ßen mit tür­ki­schen Kin­dern. Sie füh­len sich zuhau­se in der Tür­kei, so wie wir auch.
Von unse­rer Woh­nung am euro­päi­schen Ufer des Bos­po­rus sehen wir Del­fin­schwär­me und den Ver­kehr der Öltan­ker und Con­tai­ner­schif­fe. Bis in die 80er Jah­re gab es da noch Rude­rer, die ihre Pas­sa­gie­re für ein paar Lira nach Asi­en brach­ten. Heu­te erle­di­gen das die Fischer mit klei­nen Motorbooten.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 23/2007
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