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Freitag, 15. Juni 2007

Eine Niere als Dankeschön

Alfred Riedl
Der 57jährige Alfred Riedl, einst österreichischer Torschützenkönig und Teamchef, trainiert die Fußballer der vietnamesischen National- und Olympiamannschaften.


Fuß­ball ist der belieb­tes­te Sport in Viet­nam, Volk und Poli­ti­ker zei­gen größ­tes Inter­es­se. Gemein­sam mit den viet­na­me­si­schen Fuß­bal­lern konn­te ich über die Jah­re doch eini­ge Erfol­ge ein­fah­ren – was die Fans hier sehr schät­zen. Jeden­falls tau­chen bei gro­ßen Tur­nie­ren regel­mä­ßig Spruch­bän­der im Publi­kum auf, die mich anfeu­ern: We love you, Mr. Riedl.
Dass das kei­ne lee­ren Wor­te sind, wur­de mir nun ein­drucks­voll bewie­sen. Vor drei Jah­ren haben mir Ärz­te ange­kün­digt, dass ich ein Nie­ren­trans­plan­tat brau­chen oder auf Dia­ly­se ange­wie­sen sein wür­de. Anfangs habe ich mich noch gut gefühlt. Doch vom Som­mer 2006 an wur­de ich Monat für Monat kraft­lo­ser. Im Jahr 2000, da war ich 50 Jah­re alt, hat­te ich den viet­na­me­si­schen Natio­nal­spie­lern noch zei­gen kön­nen, wie man einen lie­gen­den Ball schießt. Mit Recht konn­te ich damals behaup­ten, dass kei­ner in Viet­nam bes­ser schießt als ich. Das war nun vorbei.
Nach­dem mein Gesund­heits­zu­stand in den Medi­en The­ma wur­de, haben sich aus ganz Viet­nam Frei­wil­li­ge gemel­det, die bereit waren, mir eine Nie­re zu spen­den. Bei Num­mer 70 haben mei­ne Ärz­te und ich die Anmel­dun­gen gestoppt. Mit der Unter­stüt­zung von öster­rei­chi­schen Medi­zi­nern konn­ten wir die kör­per­lich stärks­ten unter­su­chen. Wenn man die Leu­te gefragt hat, war­um sie mir eine Nie­re spen­den wür­den, kam fast immer die Ant­wort: „Sie haben uns gehol­fen, jetzt hel­fen wir Ihnen.“
Spen­der Num­mer 1 auf der Lis­te bekam kurz vor dem Abflug nach Wien pri­va­te Pro­ble­me. Aber auch die Num­mer 2 war vor­be­rei­tet: Der Ersatz­mann hat­te sich recht­zei­tig einen Rei­se­pass aus­stel­len las­sen. Die­ser Mann, als Reis­bau­er, Frei­zeit­po­li­zist und Bau­tech­ni­ker mit drei Beru­fen gut beschäf­tigt, ist ver­hei­ra­tet, hat zwei Kin­der und hat­te immer wie­der ange­ru­fen, um sei­ne Bereit­schaft zu ver­si­chern. Dass er auch noch von aus­ge­zeich­ne­ter Gesund­heit ist, war unser bei­der Glück: Sechs Tage nach der Ope­ra­ti­on konn­te der Mann das Kran­ken­haus wie­der verlassen.
Nun soll man nach einer erfolg­rei­chen Trans­plan­ta­ti­on nicht zu eupho­risch sein, weil es immer noch zur Absto­ßung des Organs kom­men kann. Trotz­dem kann ich sagen: Ich füh­le mich wie­der so gut, wie vor eini­gen Jah­ren. Ich arbei­te wie­der. Im Moment berei­te ich das viet­na­me­si­sche Natio­nal­team auf den Asi­en-Cup im Juli vor. Ansons­ten lebe ich zufrie­den mit mei­ner Frau in einem Wohn­park am Ran­de Hanois. Es gibt vie­le gute Restau­rants mit her­vor­ra­gen­der viet­na­me­si­scher Küche. Wir haben sehr freund­schaft­li­chen Kon­takt mit der Fami­lie des öster­rei­chi­schen Bot­schaf­ters. Und die Wochen­en­den sind ab Sams­tag mit­tag mit Spiel­be­ob­ach­tun­gen im gan­zen Land und abends mit inter­na­tio­na­lem Fuß­ball verplant.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 25 
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