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Freitag, 02. März 2007

Jede Menge Klänge

Kalle Laar
Kalle Laar, 50, ist halb Este, halb Lette. Er lebt als Klang- und Vinylkünstler in Wien, wo er auch häufig zu hören ist.


Als Musi­ker war ich viel in der Welt unter­wegs, immer auch auf der Suche nach inter­es­san­ten Tönen und Klän­gen. Dabei habe ich eine merk­wür­di­ge Plat­ten­samm­lung ange­häuft, eine Men­ge Sprach‑, Wer­be- und gen­re­frei­en Plat­ten. Man muss sich klar machen, wel­chen Ver­lust wir mit dem Ver­schwin­den der Vinyl-Kul­tur hin­neh­men. Bei Bil­dern ist das anders, jedes Bild gehört – pathe­tisch gespro­chen – irgend­wie zum Welt­kul­tur­er­be. Aber Klän­ge sind ein­fach weg.
Als Vinyl­künst­ler tre­te ich unter dem Namen „djkl & The Tem­po­ra­ry Sound­mu­se­um“ auf, zum Bei­spiel in der Wie­ner Kunst­hal­le. Für einen Abend zum The­ma „Poli­tik & Mili­tär“ habe ich eine ame­ri­ka­ni­sche Schall­plat­te aus dem Jahr 1959 raus­ge­sucht: Was tun, wenn die Bom­be fällt? Auf die­sem Doku­ment erzählt jemand, was pas­siert, wenn eine Atom­bom­be explo­diert. Wie da über das Ster­ben von hun­dert­tau­sen­den Men­schen gespro­chen wird, das wäre im Fern­se­hen nicht mög­lich. Als Zuhö­rer kriegt man eine Gän­se­haut, auch die­sem Klang kann man sich emo­tio­nal nicht entziehen.
Wien ist gut zu mir. Ich habe hier eine Art öffent­li­ches Wohn­zim­mer gefun­den, wo ich viel Zeit ver­brin­ge – das phil in der Gum­pen­dor­fer­stra­ße. Da bin ich von Büchern und Plat­ten umge­ben und füh­le mich wohl. Ursprüng­lich bin ich als artist-in-resi­dence ins Muse­ums­quar­tier gekom­men. Seit­her tref­fe ich mit mei­ner Arbeit als Klang­künst­ler hier auf eine Offen­heit, die in Mün­chen kaum vor­stell­bar ist. Über die „Jeu­nesse“ bie­te ich an Schu­len work­shops an, die Jugend­li­chen ein Gefühl für ihre Ohren ver­mit­teln sol­len. Da ent­ste­hen Hör­spie­le wie „Das klin­gen­de Klas­sen­zim­mer“. In Mün­chen wäre das undenk­bar, es gibt dort kei­ne sol­che Organisation.
Auf­ge­wach­sen bin ich in einer funk­tio­nie­ren­den Mul­ti­kul­ti-Gesell­schaft, in Mün­chen-Lud­wigs­feld. Die­ser abge­le­gens­te Stadt­teil wur­de als Pilot­sied­lung für hei­mat­lo­se Aus­län­der aus dem Osten ange­legt. Ich bin halb Este, halb Let­te, ein klas­si­sches Flücht­lings­kind. Wir spiel­ten auf einem beto­nier­ten Roll­schuh­feld, das einst Fun­da­ment einer Küche des KZ-Außen­la­ger Dach­au war. Jedes Kind war min­des­tens zwei­spra­chig. Wir waren Mon­go­len, Kal­mü­ken, Tsche­chen oder sonst was. Aber wir teil­ten ein Schicksal.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 10/2007
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