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Mittwoch, 21. Februar 2007

Der Sohn des Löwen

Keba Cissokho
Keba Cissokho, 41, entstammt einer Griot-Familie, den traditionellen Troubadouren Westafrikas. Er spielt Kora, die afrikanische Harfe, und darauf mitunter auch Mozarts „Kleine Nachtmusik“.


Mein Vater war der König der Gri­ot, der König der Kora. Und ich bin sein Sohn, der Sohn des Löwen. Die Kora ist mei­ne Lie­be. Sie ist die Mut­ter aller Har­fen. Mit ihr ver­brin­ge ich mei­ne Zeit. Sie trös­tet mich. Zuhau­se habe ich in jedem Zim­mer eine Kora ste­hen, im Schlaf­zim­mer, im Wohn­zim­mer, in der Küche.
Eigent­lich hat das Instru­ment 21 Sai­ten. Mei­ne Kora hat 22, eine mehr für den Bass. Ich baue sie selbst aus einer getrock­ne­ten Kür­bis­hälf­te, bespan­ne sie mit Gazel­len­haut oder mit der Haut einer wei­ßen Kuh. Für den Hals neh­me ich einen dicken Holz­stock. Und die Sai­ten hole ich im Ang­ler­ge­schäft. Für eine dicke Sai­te flech­te ich zwei oder drei Angel­schnü­re inein­an­der. Gestimmt wird die Kora nach der Ton­lei­ter. Hören Sie nur, wie schön sie klingt wenn ich dazu sin­ge: Fama deng­ke kana kasi, das heißt „Sohn des Löwen, Du darfst nicht weinen“.
Frü­her ein­mal waren die Gri­ots wich­tig. Sie haben Geschich­ten erzählt, sie waren Afri­kas Biblio­the­ken. Und sie haben ihre Köni­ge bera­ten. Mein Groß­va­ter hat sei­nem König noch gesagt, was im Krieg zu tun ist. Aber heu­te ist es für einen Gri­ot schwie­rig gewor­den. In Afri­ka. Und in Wien. Nie­mand inter­es­siert sich mehr für uns.
Schau­en Sie nur, was ich mache: Als Gri­ot ver­die­ne ich mir ein paar Euro, indem ich für das Bun­des­asyl­amt dol­met­sche. Flücht­lin­ge, die aus dem Sene­gal, aus Mali, aus Gam­bia kom­men, die spre­chen Man­din­go. Und das ver­steht hier kaum jemand. Manch­mal brau­chen auch die slo­wa­ki­schen Behör­den einen Dol­met­scher, dann muss ich nach Bra­tis­la­va. Sonst gibt es nichts zu tun für mich. Beim Arbeits­markt­ser­vice wol­len sie, dass ich wie­der in der Küche arbei­te. Aber das kann ich nicht mehr. Mei­ne Hän­de … Ich bin Musi­ker … Schau­en Sie die­se Nar­ben hier an, die habe ich mir in einem Wie­ner­wald-Restau­rant geholt. Mit sol­chen Schnit­ten kann man kei­ne Musik machen.
Seit 1997 bin ich in Wien. In den ers­ten Jah­ren habe ich in allen gro­ßen Sälen gespielt. Im Kon­zert­haus. In der Stadt­hal­le. In den Sofi­en­sä­len. Doch jetzt habe ich schon lan­ge kei­ne Enga­ge­ment bekom­men. Was soll ich denn tun? Ich kann doch nicht zur Poli­zei gehen und um eine Geneh­mi­gung als Stra­ßen­mu­si­ker bit­ten. Wie sieht das denn aus?
Ich träu­me immer, dass wir alle ein­mal zusam­men in Wien spie­len kön­nen, eine Jam-Ses­si­on mit mei­nen Brü­dern. Sie leben auch in Euro­pa. Einer in Bor­deaux, einer in Hel­sin­ki, ein drit­ter in Bar­ce­lo­na, einer in Lau­sanne, einer in Paris. Wir könn­ten Musik machen, alle zusam­men. Die Öster­rei­cher haben die Kora doch gern, sie klingt gut in ihren Ohren.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 15/2006
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