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Sonntag, 23. September 2007

Innenansicht einer Kuh

Bela Borsodi
Der 41jährige Fotograf Bela Borsodi inszeniert die unterschiedlichsten Dinge, um sie in seinen Mode-Stilleben festzuhalten.


Seit sechs Jah­ren foto­gra­fie­re ich aus­schließ­lich Stil­le­ben. Frü­her habe ich Men­schen por­trai­tiert. Doch irgend­wann waren die Leu­te nicht mehr inter­es­sant. Zu mei­nem Glück haben mich damals die Din­ge gefun­den. Ich soll­te für den Geschäfts­be­richt eines Schwei­zer Kon­zerns zwei Mona­te lang Müll foto­gra­fie­ren. Bei der Gele­gen­heit habe ich mich in die Objek­te ver­schaut. Mit Din­gen kann man viel machen. Mit Din­gen kann man die Welt erklä­ren, Geschich­ten erzäh­len. Und so lebe ich in mei­nem Appart­ment im New Yor­ker East Vil­la­ge inzwi­schen mit den vie­len Din­gen, die mich im Lauf der Jah­re gefun­den haben. Ich samm­le. Nicht wirk­lich obses­siv, aber doch so ernst­haft, dass ich kein ein­zel­nes Ding nament­lich her­aus­he­ben möch­te, weil ich die Eifer­sucht und die Rache der ande­ren Din­ge fürchte.
Die Din­ge fin­den mich – das klingt ein biss­chen eso­te­risch. Aber wür­de ich irgend­wo auf ein Buch sto­ßen, das zeigt, wie eine Kuh von innen aus­sieht – ich wür­de es kau­fen. Nicht, weil ich danach gesucht hät­te. Ich wüss­te auch gar nicht, ob es so ein Buch gibt. Aber wenn es mich fän­de, wür­de ich die Bil­der dar­in sofort in mei­nem Kopf abspei­chern. Da sind sie gut auf­ge­ho­ben: Neun­zig Pro­zent der Din­ge, die ich im Kopf habe, mache ich inner­halb von fünf­zehn Minu­ten in mei­ner Biblio­thek wie­der ausfindig.
Die Mode ist ein frucht­ba­rer Boden für mei­ne Arbeit. Sie pro­du­ziert unab­läs­sig neue Din­ge. Und sie bie­tet mir eine kom­mer­zi­el­le Platt­form. Tags­über bin ich meist damit beschäf­tigt, eine Idee nach der ande­ren raus zu schie­ßen. Ich arbei­te für den stern und kid’s wear in Deutsch­land. Für Vogue in Japan. Für Gla­mour und Nume­ro in Ita­li­en. Für Details, V und New York Times Maga­zi­ne in den USA. Die rufen mich an: Wir hät­ten die­se oder jene Schu­he, fällt Dir da eine Geschich­te ein? Dann über­le­ge ich. Wel­ches Maga­zin ist das? Wie schau­en die Schu­he aus? Was brau­che ich, um mei­ne Geschich­te zu erzäh­len. Ich begin­ne zu pla­nen. Ich zeich­ne und bast­le. So ent­steht das Bild, das ich spä­ter foto­gra­fie­ren wer­de – ich weiß vor­her genau, wie es aus­se­hen muß. Wenn ich die Kame­ra zur Hand neh­me, ist schon alles fer­tig: ich doku­men­tie­re mei­ne Arbeit nur noch, die Kame­ra ver­wen­de ich wie eine Foto­ko­pier­ma­schi­ne. Es ist nicht wesent­lich, ob ich ana­log oder digi­tal foto­gra­fie­re. Allein das Ergeb­nis zählt, es muss gut aussehen.
Mein Vater ist 1956 aus Ungarn gekom­men. Bei­de Eltern sind Künst­ler. Mein Bru­der hat sich früh von der Kunst distan­ziert: In der Fami­lie wur­de stän­dig gemalt und gezeich­net, das woll­te er nicht. Ich woll­te immer zeich­nen. Spä­ter habe ich an der Hoch­schu­le für Ange­wand­te Kunst stu­diert. Aber ich arbei­te lie­ber für Maga­zi­ne und in der Wer­bung als für eine Kunst­aus­stel­lung. Das macht ein­fach mehr Spaß. Und die Leu­te mer­ken ja, ob einer Spaß gehabt hat bei sei­ner Arbeit: Nur wer Spaß hat, ist gut.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 39/2007
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