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Freitag, 08. Januar 2016

Ich weiß, was ich will

Eva Beresin
Eva Beresin aus Budapest ist Künstlerin, betreibt ein Konzept- und Design-Studio und lebt in Wien.


Ein Leben lang woll­te ich Künst­le­rin sein. Schon als Mäd­chen habe ich viel gemalt. Ich habe in Buda­pest die Kunst­schu­le absol­viert. Mein Kunst­stu­di­um habe ich abge­bro­chen, um zu hei­ra­ten und in Wien zu leben. Bis heu­te habe ich Hem­mun­gen, mich Künst­le­rin zu nen­nen. Ich war immer krea­tiv, hat­te immer Ideen, woll­te immer wie­der Neu­es schaf­fen und war mit man­chem sehr erfolg­reich. Aber ich konn­te das nie in Ruhe genie­ßen, weil immer neue Ideen kamen. In den 1980er Jah­ren habe ich eine Manu­fak­tur für Gür­tel und Leder­ta­schen auf­ge­baut. Die lief sehr gut. Aber nach einer Wei­le muss­te etwas Neu­es her. Als mein Mann erkrank­te, über­nahm ich sein Geschäft. Da habe ich Jah­re lang Sün­den abge­büßt, weil ich kaum Ahnung von dem hat­te, was zu tun war. Als ich nach 17 Jah­ren damit fer­tig war ohne einen Scher­ben­hau­fen zu hin­ter­las­sen, war ich stolz. Wie­der hat­te ich aus einer Situa­ti­on, die unmög­lich schien, etwas gemacht. Mei­ne Krea­ti­vi­tät fokus­sier­te ich über die Jah­re aber auf mei­nen eigent­li­chen Job, den Auf­bau und Betrieb mei­nes Stu­di­os, das Kon­zep­te und Designs für Loka­le und Büros entwickelt.
Die Male­rei ist mir neben all­dem aber immer geblie­ben. Mein The­ma sind Men­schen und Situa­tio­nen, die ich beob­ach­te. Die jüngs­te Arbeit – ACHT UND NEUN­ZIG SEI­TEN – fasst zusam­men, was ich ein Leben lang in mir tra­ge. Ich habe mich immer gefragt, woher mein Lebens­ge­fühl kommt, woher mei­ne Ängs­te rüh­ren. Erst spät wur­de mir klar, was ich alles von mei­nen Eltern mit­be­kom­men habe. Sie haben bei­de den Holo­caust über­lebt. Zehn Jah­re spä­ter kam ich zur Welt. Wie konn­te man damals über­haupt Kin­der auf die Welt brin­gen? Wir, die ers­te Gene­ra­ti­on der nach dem Krieg Gebo­re­nen, haben wohl alle einen schwe­ren Schuss. Wir alle – ob Kin­der von Opfern oder von Tätern – ken­nen ja die schreck­li­chen Bil­der. Wie leer müss­te man sein, dass einen das nicht prägt? Mei­ne Mut­ter war in Ausch­witz. Ihr Weg zurück in die Hei­mat dau­er­te sie­ben Mona­te. In die­ser Zeit schrieb sie Tage­buch. 98 Sei­ten. Mit Blei­stift. Nach ihrem Tod 2007 habe ich begon­nen, das zu ent­zif­fern. Die Schrift war ver­blasst. Ich muss­te Kopien machen, die Kon­tras­te beto­nen, die Schrift mit einem Stift nach­zie­hen. So lern­te ich die­se Per­son, die ich gut zu ken­nen glaub­te, bes­ser ken­nen. 2012 habe ich begon­nen, ihre Geschich­te zu malen. Ich hat­te Fotos ent­deckt, die 1943 ent­stan­den waren, vor der Depor­ta­ti­on also, als sie in Buda­pest ihr modä­nes Leben gelebt hat. Sie war bele­sen. Kunst­stu­den­tin. Sehr ele­gant. Sehr spe­zi­ell. Das habe ich in Far­be und in gro­ßen For­ma­ten umge­setzt. Schnell. Gro­be Pinselstriche.
Das ist das Schöns­te. Ich begin­ne mit dunk­len Far­ben. Dicke, schwar­ze Stri­che. Die Kom­po­si­ti­on steht in zwei Minu­ten. Dann gehe ich drü­ber, decke das Dunk­le ab. Jede Schicht bleibt wich­tig, jeder Lay­er spielt eine Rol­le. Wie in unse­rem Leben. Mei­ne Mut­ter erzähl­te nicht und ich stell­te nie Fra­gen. Heu­te weiß ich, dass ihr Schick­sal Teil mei­nes Lebens ist. Ich sehe, dass mich der Holo­caust ein­holt. Jetzt mit sech­zig sehe ich klar. Jetzt weiß ich, was ich will. Ich weiß, dass die Male­rei das Wich­tigs­te für mich ist.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 02/2016
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