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Donnerstag, 03. April 2014

Frust am Würstelstand

Dirk Rupnow
Dirk Rupnow, 41, leitet das Innsbrucker Institut für Zeitgeschichte und erforscht die Geschichte Österreichs als Migrationsgeschichte.


In Ber­lin (West) auf­wach­send konn­te ich dar­auf set­zen, dass Wehr- oder Zivil­dienst für mich kein The­ma wer­den. Mit der deut­schen Wie­der­ver­ei­ni­gung war die zugrun­de­lie­gen­de Rege­lung aber plötz­lich obso­let: mein Jahr­gang wur­de in einer ehe­ma­li­gen DDR-Kaser­ne bei Pots­dam gemus­tert. In der Fol­ge war ich unter den ers­ten aus Ber­lin (West), die in den sau­ren Apfel bei­ßen muss­ten. Ich mach­te also Zivil­dienst, ver­lor dar­über mei­nen Stu­di­en­platz in Frei­burg und begann schließ­lich ein Stu­di­um an der FU Ber­lin. Das Bedürf­nis, end­lich aus der Stadt raus­zu­kom­men, wur­de nach dem Grund­stu­di­um über­mäch­tig. Und da an der Bera­tungs­stel­le für Aus­lands­stu­di­en Wien güns­tig im Ange­bot war, zog ich 1996 los.
Ich hat­te mich im Ger­ma­nis­tik­stu­di­um mit Musils „Mann ohne Eigen­schaf­ten“, in Kunst­ge­schich­te mit der Ring­stra­ße und in Geschich­te mit den Habs­bur­gern beschäf­tigt. Staats­oper, Burg­thea­ter und Musik­ver­ein hat­ten mich längst schon in ihren Bann gezo­gen. So hat­te sich also eins ins ande­re gefügt. Aus dem Stu­di­um kam ich über mei­ne Diplom­ar­beit zur His­to­ri­ker­kom­mis­si­on, forsch­te über Eich­mann und die Ver­trei­bung und Berau­bung der öster­rei­chi­schen Juden. In mei­ner Dis­ser­ta­ti­on zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Gedächt­nis­po­li­tik“ stell­te ich die The­se in Fra­ge, dass die Nazis das Gedächt­nis an das Juden­tum aus­lö­schen woll­ten. Sie waren viel­mehr auf das Gegen­teil erpicht: wie wür­de man sonst den Enkeln der­einst erklä­ren kön­nen, war­um man die Juden ermor­det hat? Nach­dem ich mich in mei­ner Habi­li­ta­ti­on noch wis­sen­schafts­his­to­risch mit dem „Drit­ten Reich“ beschäf­tigt hat­te, waren Natio­nal­so­zia­lis­mus und Holo­caust für mich als For­scher erst­mal abge­ar­bei­tet. In der Leh­re küm­me­re ich mich um die­se The­men am Inns­bru­cker Insti­tut für Zeit­ge­schich­te, das ich seit 2010 lei­te, heu­te noch. Ansons­ten kon­zen­trie­re ich mich inzwi­schen auf die Geschich­te Öster­reichs als Migra­ti­ons­ge­sell­schaft. In der Zeit­ge­schich­te sind wir ver­pflich­tet, hei­ße The­men anzu­ge­hen. Und das sind Migra­ti­on und die durch sie beding­ten Trans­for­ma­tio­nen unse­rer Gesell­schaft zweifelsohne.
Bei all mei­nen The­men taucht irgend­wann die Fra­ge nach der eige­nen Iden­ti­tät auf. Als ich in den USA jüdi­sche Geschich­te unter­rich­te­te, wur­de dis­ku­tiert, ob ich jüdisch sei oder nicht, weil Jewish Stu­dies eben von Juden betrie­ben wer­den. Jetzt ist es ähn­lich: bin ich als Deut­scher in Öster­reich migran­tisch hin­rei­chend legi­ti­miert, um über Migra­ti­on zu for­schen? Ich habe offen­bar ein Händ­chen dafür, mich zwi­schen die Stüh­le zu set­zen. Aber zugleich ist das das Span­nen­de: man wird her­aus­ge­for­dert, eine eige­ne Posi­ti­on zu for­mu­lie­ren. Das ist gera­de für den Deut­schen in Öster­reich eine Her­aus­for­de­rung. Wie kom­pli­ziert das gegen­sei­ti­ge Ver­hält­nis ist, unter­schät­zen vie­le Deut­schen ja leicht: indem sie hier so ein­mar­schie­ren, wie sie das habi­tu­ell eben tun, füh­len sich die Öster­rei­cher zu recht nicht ernst genom­men. Als Deut­scher hier zu leben führt nicht zu Ras­sis­mus­er­fah­run­gen, wie sie ande­re Men­schen in Öster­reich täg­lich machen. Aber es ist schon auch schmerz­haft, wenn man etwa am Würs­tel­stand bei der Bestel­lung der gelieb­ten Käse­krai­ner von der ver­sam­mel­ten Gäs­te­schar ob sei­nes Akzents vor­ge­führt wird. So gese­hen ist hier noch viel zu tun: Öster­reich ist längst eine plu­ra­le und diver­se Gesell­schaft – ein Fak­tum, das im Bewusst­sein vie­ler Men­schen und im All­tag des Poli­tik­be­trie­bes nicht hin­rei­chend ver­an­kert ist.

Auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 15/2014
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