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Montag, 04. April 2016

Ich bin empört!

Regina Wiesinger
Regina Wiesinger, 50, unterrichtet an der Deutschen Schule Athen (DSA) Geschichte, Sozialkunde und ökumenische Religion.


Wer in Grie­chen­land lebt, hört schon mor­gens im Radio die Spen­den­auf­ru­fe. Es fehlt an allem. Beson­ders rar sind Medi­ka­men­te. Infol­ge der Spar­maß­nah­men wur­den Kran­ken­häu­ser geschlos­sen, ein Drit­tel der Grie­chen hat kei­ne Kran­ken­ver­si­che­rung. Als mein Sohn eine simp­le Dipt­he­rie-Teta­nus-Imp­fung brauch­te, muss­te ich vier Wochen lang danach suchen. Unter Jugend­li­chen liegt die Arbeits­lo­sen­ra­te bei 65 Pro­zent. Seit Jah­ren wird über­all gespart, beson­ders hart ist im Sozi­al- und Bil­dungs­be­reich. Zu die­ser huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe kommt nun die Flücht­lings­kri­se. Dass in die­ser Situa­ti­on nun gera­de die öster­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung eine Vor­rei­ter­rol­le für die Abschot­tungs­po­li­tik spielt, empör­te mich eben­so und sehr vie­le hier leben­de Auslandsösterreicher.
Also habe ich, gemein­sam mit Kol­le­gen, einen offe­nen Brief an die Regie­rung for­mu­liert: „Die an Syri­en angren­zen­den Staa­ten zei­gen eine bei­spiel­haf­te Soli­da­ri­tät. Ange­sichts der Tat­sa­che, wie vie­le Mil­lio­nen Flücht­lin­ge sich in die­sen Län­dern, die um vie­les ärmer sind als Öster­reich, in ihrer Not ange­sam­melt haben, ist es beschä­mend, wenn von Sei­ten Öster­reichs behaup­tet wird, unser Land neh­me mehr Men­schen auf als die meis­ten ande­ren Län­der. Der Blick vom Süden Euro­pas auf die Flücht­lings­si­tua­ti­on attes­tiert der öster­rei­chi­schen Bun­des­re­gie­rung lei­der eine völ­li­ge Fehl­ein­schät­zung der Fak­ten.“ Unter­zeich­net war die­ser Brief von vie­len Öster­rei­chern, die in Grie­chen­land leben. Eine Ant­wort haben wir bis­her nicht bekommen.
Ich lebe seit mehr als 20 Jah­ren in Athen und unter­rich­te hier an der Deut­schen Schu­le Geschich­te, Sozi­al­kun­de und öku­me­ni­sche Reli­gi­on. Mein Mann ist Grie­che und arbei­tet als Jurist im Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um. Wir pfle­gen eine bikul­tu­rel­le Ehe, unse­re bei­den Kin­der sind in einem welt­of­fe­nen Geist, drei­spra­chig, mul­ti­na­tio­nal und über­kon­fes­sio­nell erzo­gen wor­den. Als moder­ne Euro­pä­er füh­len sie sich sowohl als Öster­rei­cher, als Grie­chen sowie als Deut­sche. Unse­re Schu­le hier ist eben­so iden­ti­täts­stif­tend wie zahl­rei­che Feri­en­auf­ent­hal­te und der fami­liä­re Bezug.
Die herz­li­che Gast­freund­schaft der Grie­chen hat mich nie spü­ren las­sen, dass ich eine Frem­de in die­sem Land bin – obwohl mei­ne Schwie­ger­el­tern Grund dazu gehabt hät­ten. Bei­de haben im 2. Welt­krieg unter der Will­kür und Gewalt der deut­schen Besat­zung gelit­ten. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter hat ihren jün­ge­ren Bru­der und eini­ge Män­ner ihres Dor­fes vor einem Erschie­ßungs­kom­man­do geret­tet. Dass man sich an der wehr­lo­sen Zivil­be­völ­ke­rung durch grau­sa­me Ver­bre­chen schul­dig gemacht hat, wur­de in Deutsch­land und Öster­reich all­zu ger­ne ver­ges­sen. Bis heu­te wer­den die Ver­bre­chen öster­rei­chi­scher Wehr­machts­sol­da­ten in Kalavry­tra in kei­nem öster­rei­chi­schen Schul­buch erwähnt. Mit mei­nen Schü­lern bin ich jedes Jahr in Dis­to­mo, der bekann­tes­ten der Mär­ty­rer­ge­mein­den zu Gast. Gemein­sam mit grie­chi­schen Schü­lern arbei­ten sie dort in Begeg­nungs­pro­jek­ten die Ver­gan­gen­heit auf. Zuletzt ent­stand dabei das Thea­ter­stück „Kin­der des Krie­ges“, eine ein­drucks­vol­le Mah­nung, dass Kin­der und jun­ge Men­schen ein Recht dar­auf haben, in Frie­den, Sicher­heit und Men­schen­wür­de zu leben. Genau die­ses Recht wird an Sta­chel­draht­zäu­nen und geschlos­se­nen Gren­zen heu­te mit Füßen getreten.
In die­sem Kon­text klingt es beson­ders zynisch, unfair und arro­gant, wenn der Außen­mi­nis­ter der Repu­blik Öster­reich die Auf­nah­me und Ver­sor­gung der Flücht­lin­ge im ver­gan­ge­nen Jahr selbst­ge­fäl­lig als eigen­stän­di­ge öster­rei­chi­sche Leis­tung her­vor­hebt und Grie­chen­land dabei abkan­zelt. Im Gegen­satz zu Grie­chen­land befin­det sich Öster­reich eben nicht in einer huma­ni­tä­ren Kri­se. Dem immensen Lei­dens­druck zum Trotz zeigt sich die grie­chi­sche Bevöl­ke­rung jedoch hilfs­be­reit und groß­zü­gig. 50.000 Flücht­lin­ge sind schon im Land, täg­lich wer­den es mehr. All das erin­nert vie­le Grie­chen an das Leid ihrer eige­nen Ange­hö­ri­gen im Zwei­ten Welt­krieg. Für die Poli­tik, mit der Öster­reich in die­ser Situa­ti­on die Bal­kan­staa­ten unter Druck setzt, muss man sich ange­sichts all des­sen schämen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 15/2016
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