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Sonntag, 21. Februar 2016

Herausfinden, wohin man gehört

Louise Hecht
Louise Hecht, 54, lebt als jüdische Historikerin in Deutschland und Tschechien.


Ich bin am Wie­ner Stu­ben­ring auf­ge­wach­sen. Abge­se­hen von einer Greiß­le­rei, in der Beam­te aus den umlie­gen­den Minis­te­ri­en Wurst­sem­meln kauf­ten, gab es dort kaum Infra­struk­tur. In dem rie­si­gen Haus, in dem wir einen schö­nen Dach­aus­bau bewohn­ten, waren vie­le Büros unter­ge­bracht, aber nur zwei Wohn­par­tei­en. Zu jener Zeit war das eine tote Gegend. In der Zwi­schen­kriegs­zeit war das Vier­tel sehr jüdisch geprägt. Mei­ne Groß­el­tern haben damals die­sen Dach­bo­den gemie­tet. Vor den Nazis konn­ten sie sich nach Eng­land ret­ten. Als sie nach dem Krieg zurück­ka­men, saß eine Frau in ihrer Woh­nung, die gute Bezie­hun­gen zur NSDAP unter­hal­ten hat­te. Mein Groß­va­ter war Rechts­an­walt, das war bei der Resti­tu­ti­on hilf­reich. Und dass mein Vater in der eng­li­schen Armee gedient hat­te, war sicher auch kein Nach­teil. Dass wir Juden sind, war in unse­rer Fami­lie kaum The­ma, nur im Kon­text der Emi­gra­ti­on. Ich habe zunächst Che­mie stu­diert, wur­de dann aber doch neu­gie­rig auf das Juden­tum. Für mich als Athe­is­tin lag es nahe, an der Uni nach Auf­klä­rung zu suchen. So lern­te ich Kurt Schu­bert ken­nen, den Doy­en der Juda­is­tik in Wien. Ich ließ die Che­mie sein, stu­dier­te Juda­is­tik, lern­te Hebrä­isch und pro­mo­vier­te an der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät in Jeru­sa­lem. Dass ich mich heu­te als jüdi­sche His­to­ri­ke­rin ver­ste­he, bezieht sich aber auf mein Fach­ge­biet und nicht auf mei­ne jüdi­sche Her­kunft. Mein Mann hat Geschich­te stu­diert, er ist Historiker.
Mein The­ma ist die Haska­la, die jüdi­sche Auf­klä­rung des 18. und 19. Jahr­hun­derts. Die­se Maski­lim genann­ten Auf­klä­rer ver­stan­den sich als alter­na­ti­ve intel­lek­tu­el­le Eli­te in der jüdi­schen Gesell­schaft. Sie waren Revo­lu­tio­nä­re gegen die tra­di­tio­nel­len jüdi­schen Eli­ten, gegen die Rab­bi­ner und die Gemein­de­vor­ste­her. Zudem öff­ne­ten sie das Juden­tum zur Mehr­heits­kul­tur, pfleg­ten also einen inten­si­ven Dia­log mit der christ­li­chen Kul­tur. Seit gut zehn Jah­ren arbei­te ich in die­sem Kon­text am Kurt-und-Ursu­la-Schu­bert Cen­ter for Jewish Stu­dies in Olomouc/​Olmütz in der Tsche­chi­schen Repu­blik. Als ein Ergeb­nis die­ser Arbeit ist jetzt gera­de ein von mir her­aus­ge­ge­be­nes Buch erschie­nen: „Lud­wig August Frankl (1810 – 1894). Eine jüdi­sche Bio­gra­phie zwi­schen Okzi­dent und Ori­ent.“ Frankl wird von man­chen als öster­rei­chi­scher Hein­rich Hei­ne bezeich­net, auch weil er die bedeu­tends­te Kul­tur­wo­chen­schrift sei­ner Zeit her­aus­ge­ge­ben hat, Die Sonn­tags­blät­ter. Zudem ist er als Mit­in­itia­tor des Schil­ler-Denk­mals am Ring und als Begrün­der des Israe­li­ti­schen Blin­den­in­sti­tuts auf der Hohen War­te bekannt, eine Schu­le in der heu­te die Poli­zei unter­ge­bracht ist.
Seit Jah­res­an­fang bin ich in Olmütz kar­ren­ziert und am Insti­tut für Jüdi­sche Stu­di­en in Pots­dam tätig, in einem gro­ßen Pro­jekt der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft: „Haska­la im Dia­log“. Im Gefol­ge von Moses Men­dels­sohn, dem Weg­be­rei­ter der Haska­la, waren zwei viel weni­ger bekann­te Maski­lim auch in Wien sehr aktiv: Juda Jeit­te­les und Juda Leib ben Ze’eb. Die­se bei­den Den­ker der Auf­klä­rungs­zeit ste­hen mit ihren Wer­ken im Zen­trum die­ses auf­re­gen­den Projekts.
Die Kon­flik­te und Pro­ble­me, mit denen die­se Maski­lim sich beschäf­tig­ten, sind teils bis heu­te hoch­ak­tu­ell. Vie­le Men­schen suchen nach ihrer eige­nen Defi­ni­ti­on von jüdi­scher Iden­ti­tät. Ganz all­ge­mein ist das Leben in meh­re­ren Wel­ten ein sehr moder­ner Aspekt des Daseins: man muss jeden Tag aufs Neue her­aus­fin­den, wo man steht, wohin man gehört. Wenn ich zu einer Demons­tra­ti­on für das Asyl­recht gehe, dann gehe ich da nicht als Jüdin hin, son­dern als Frau, der es wich­tig ist, demo­kra­ti­sche Wer­te auch im Kon­text von Flucht und Asyl hoch­zu­hal­ten. Ich hof­fe jeden­falls, dass ich mich auch ohne mei­ne spe­zi­fi­sche Fami­li­en­ge­schich­te ent­spre­chend enga­gie­ren würde.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 09/2016
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