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Donnerstag, 22. März 2007

Heiße Eisen gegen Krebs

Franziska Michor
Aus einer Mathematikerfamilie stammend, arbeitet Franziska Michor, 24, seit drei Jahren in Cambridge, um die Krebsforschung mit mathematischen Methoden voranzubringen.


Ich habe in Wien Mole­ku­lar­bio­lo­gie und Mathe­ma­tik sowie in Tri­est Bio­tech­no­lo­gie stu­diert. Anschlie­ßend konn­te ich ein Jahr als spe­cial stu­dent am Insti­tu­te for Advan­ced Stu­dy in Prince­ton ver­brin­gen. 2005 habe ich mit einer Arbeit über Evo­lu­tio­na­ry Dyna­mics of Can­cer mei­nen Dok­tor­ti­tel bekom­men. Und jetzt bin ich für drei Jah­re als juni­or fel­low in der Havard Socie­ty of Fel­lows und arbei­te am Dana Farb­er Can­cer Insti­tu­te in Boston.
Das Leben könn­te nicht bes­ser sein. Mein Freund arbei­tet als Öko­nom in Har­vard. Wir bewoh­nen ein wun­der­schö­nes, zwei­stö­cki­ges Apart­ment in Cam­bridge. Ins Büro fah­ren wir nur weni­ge Minu­ten. Und dort reiht sich dann ein rese­arch mee­ting ans ande­re. Tau­sen­de Men­schen bevöl­kern ein wirk­lich anre­gen­des For­schungs­uni­ver­sum. Mei­ne Arbeit macht mir gro­ßen Spaß, ich möch­te nichts ande­res machen. Zum Glück muss ich immer wie­der mal auf Kon­fe­ren­zen fah­ren – mei­ne Rei­se­lust wird also auch noch gestillt.
Mein Vater ist Pro­fes­sor für Dif­fe­ren­ti­al­geo­me­trie. Und auch mei­ne Schwes­ter ist Mathe­ma­ti­ke­rin. Für mich war die Mathe­ma­tik ursprüng­lich nur ein Hob­by. Mei­ner Mut­ter, einer Kran­ken­schwes­ter, habe ich mein Inter­es­se für die Medi­zin zu ver­dan­ken. Und so woll­te ich eigent­lich über Krebs arbei­ten. Als ich gehört habe, dass ich in den USA Medi­zin und Mathe­ma­tik unter einen Hut brin­gen könn­te, habe ich mich in Har­vard beworben.
Heu­te arbei­te ich mit mathe­ma­ti­schen Metho­den, um Vor­aus­sa­gen über ver­schie­de­ne Krebs­ar­ten, deren Behand­lung und die Evo­lu­ti­on von Resis­ten­zen machen zu kön­nen. Mein Ziel ist es, die Krebs­be­hand­lung mit quan­ti­ta­ti­ven Metho­den so zu ver­bes­sern, dass neue Angriffs­zie­le für Medi­ka­men­te ent­deckt wer­den kön­nen. Zur­zeit ent­wick­le ich ein mathe­ma­ti­sches Modell, das es erlaubt, Che­mo­the­ra­peu­ti­ka opti­mal zu dosie­ren, so dass sich kei­ne Resis­ten­zen ent­wi­ckeln. Che­mo­the­ra­pie hat ver­hee­ren­de Neben­wir­kun­gen. Eine neue Gene­ra­ti­on von Medi­ka­men­ten, soge­nann­te tar­ge­ted the­ra­pies, baut nun so auf unse­rem Wis­sen über krebs­spe­zi­fi­sche Eigen­hei­ten auf, dass fast aus­schließ­lich Krebs­zel­len abge­tö­tet wer­den. Die­se The­ra­peu­ti­ka sind die hei­ßes­ten Eisen, die in der Krebs­for­schung der­zeit geschmie­det werden.
Auch inter­na­tio­nal wird mei­ne Arbeit gut auf­ge­nom­men. 2005 habe ich einen Auf­satz für Natu­re geschrie­ben, der eini­ge Dis­kus­sio­nen aus­ge­löst und in der Fol­ge wei­te­re ein­schlä­gi­ge For­schun­gen ange­sto­ßen hat. Das macht mich natür­lich auch stolz.
Öster­reich hat zwar vie­le Vor­tei­le – von der hohen Lebens­qua­li­tät, über das aus­ge­reif­te Sozi­al­sys­tem bis hin zum kul­tu­rel­len Leben. Aber an ein Zurück­ge­hen ist der­zeit nicht ein­mal zu den­ken. Allein der Reich­tum an bio­me­di­zi­ni­scher For­schung in Bos­ton ist ein viel zu star­ker Magnet für mich.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 13/2007
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