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Dienstag, 28. August 2007

Heiß, frech und sehr nah dran

Walter Mayer
Der 48-jährige Journalist Walter Mayer hat sein Handwerk in Wien gelernt und seine Bestimmung in Berlin gefunden.


Der Lebens­weg führt ja immer wie­der über Kreu­zun­gen und zu Abzwei­gun­gen. Man hält inne, biegt ab. Man macht Umwe­ge, sucht Abkür­zun­gen. Aber nur ein­mal wur­de ich so nach­hal­tig aus mei­ner Bahn gewor­fen wie in der ers­ten Juli­wo­che 1988. Es muss ein Don­ners­tag gewe­sen sein, mei­ne Toch­ter soll­te am nächs­ten Tag ihr ers­tes Volks­schul­zeug­nis nach Hau­se brin­gen. Ich war damals Co-Chef­re­dak­teur von Bas­ta, einem jun­gen, fre­chen Monats­ma­ga­zin. Für den Wie­ner arbei­te­ten die Coo­len, beim pro­fil waren die Auf­rech­ten am Werk. Wir von Bas­ta gal­ten als die Unge­wa­sche­nen, wir mach­ten Boulevard.
Tra­shig, mutig und manch­mal ein biss­chen dane­ben. Wir pau­sier­ten damals immer für einen Monat im Som­mer. Daher soll­te an die­sem hei­ßen Don­ners­tag der „inner cir­cle“ noch ein­mal tagen, Bilanz und Per­spek­ti­ve waren die Themen.
Ich war völ­lig unvor­be­rei­tet, als die Kol­le­gen mich ulti­ma­tiv zum Rück­tritt auf­for­der­ten. Die Stim­mung war aggres­siv, bald kam Alko­hol ins Spiel. Und spät­nachts lan­de­ten wir, tief inein­an­der ver­bis­sen, in einer Sze­ne­knei­pe. Ich trat natür­lich nicht zurück, wis­send, dass der Mob macht­los ist. Und so wur­de der Putsch reb­laus­mä­ßig weg­ge­bla­sen. Am nächs­ten Tag began­nen die Schul- und Bas­ta-Feri­en. Wir gin­gen auseinander.
Was mir die Put­schis­ten vor­war­fen, erin­ne­re ich nicht mehr. Zu uncool? Zu unfreund­lich? Kei­ne Ahnung. Nach der Som­mer­pau­se blieb schein­bar alles beim Alten. Wir mach­ten in unse­rem wack­li­gen Büro das Blatt. Der Kul­tur­re­dak­teur pro­mo­te­te wei­ter­hin klein­brüs­ti­ge Debü­tan­tin­nen, der Chronik­re­dak­teur berich­te­te von sei­ner Fett­ab­sau­gung. Aber ich war ver­wun­det, geschwächt, enttäuscht.
Kol­le­gen, die ich als Freun­de miss­ver­stan­den hat­te, hat­ten mir ihr Kil­ler­ge­sicht gezeigt. Sie hat­ten mir Angst gemacht. Als mich ein paar Mona­te spä­ter Mar­kus Peichl frag­te, ob ich nach Ham­burg zu Tem­po wech­seln woll­te, nahm ich erleich­tert an.
Inzwi­schen habe ich mei­nen Traum­job gefun­den: Ich bin der Chef­re­dak­teur von Deutsch­lands ältes­ter Bou­le­vard­zei­tung, der B.Z. Das Blatt ist etwas Beson­de­res. Sehr echt, sehr nah dran. Heiß, frech, frei von Zynis­mus. The sound of Ber­lin. Ich bin nicht froh, aus Wien weg zu sein, aber doch froh, dort zu sein, wo ich bin. Ich woh­ne in Ber­lin-Mit­te. Unten quietscht die gel­be Ossi­stra­ßen­bahn vor­bei. Drei Häu­ser wei­ter lebt mein Stell­ver­tre­ter und Freund Peter Huth, gegen­über Inga Gröm­min­ger, die bes­te Klatsch­re­por­te­rin der Stadt. So bil­den wir ein klei­nes B.Z.-Dorf in Mit­te. Meist fah­ren wir gemein­sam in die Redak­ti­on zum Kudamm. Ent­we­der in Ingas Golf, dann muss man die Spi­der Mur­phy Gang ertra­gen. Oder eben mit der S‑Bahn.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 35/2007
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