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Sonntag, 12. August 2007

Die Leichenhalle als Vestibül

Wolfgang Lehner
Der 48jährige Wolfgang Lehner arbeitet als Kameramann mit Menschen, die er in seiner Jugend schon bewundert hat.


Dass ich eine Ame­ri­ka­ne­rin gehei­ra­tet habe und in New York gelan­det bin – da steckt kein gro­ßer Plan dahin­ter. Dass ich mir nach einem Auto­un­fall vom Schmer­zens­geld eine Woh­nung in Brook­lyn kau­fen konn­te – auch Zufall. Dass ich heu­te mit Men­schen arbei­te, die mich früh schon beein­druck­ten – noch ein Zufall, der inter­es­san­tes­te vielleicht.
Als Film­lehr­ling in den spä­ten sieb­zi­ger Jah­ren war ich neben der Avant­gar­de vor allem von B‑Movies fas­zi­niert. Tanz der Teu­fel. Die Nacht der leben­den Toten. Blut­ge­richt in Texas. Das war mei­ne Welt. Damals träum­te ich davon, nach Ame­ri­ka zu gehen und dort als Kame­ra­mann sol­che Schund­fil­me zu dre­hen. Als ich – 15 Jah­re zu spät – hier ange­kom­men bin, gab es die­se bil­li­gen, anar­chi­schen Explo­ita­ti­on-Fil­me lei­der nicht mehr. Aber die Typen, die sie gemacht haben, sind noch aktiv.
Der Regis­seur Simon Nuch­tern etwa. Vor 25 Jah­ren habe ich sei­nen Namen im Hor­ror-Klas­si­ker The Evil Dead im Abspann gese­hen. Ohne sei­ne tech­ni­sche Hil­fe hät­te die­ser Film nie das Licht der Lein­wand erblickt. Seit zehn Jah­ren arbei­te ich nun schon mit ihm zusam­men. Wir ergän­zen uns ide­al: Obwohl wir meist auf Video arbei­ten, dre­hen wir kaum mehr, als wir brau­chen. Oft brin­gen wir von einem Dreh­tag nur 20 Minu­ten Mate­ri­al mit. Davon ist aber fast alles ver­wend­bar. Wie bei den alten B‑Movie wol­len wir mit ein­fachs­ten Mit­teln maxi­ma­len Effekt erzielen.
Oder Bill Mil­ling. Er war bei Night­ma­re, Blon­de God­dess und Sava­ge Dawn dabei. Der betreibt ein Stu­dio mit green screen in New York. Bei ihm dre­hen wir Men­schen oder Objek­te vor einem grü­nen Hin­ter­grund, den man spä­ter durch einen ande­ren Hin­ter­grund erset­zen kann. Als ich zum ers­ten Mal bei Bill war, sah ich ein Pla­kat von Squirm – Inva­si­on der Bes­ti­en. Als Mit­tel­schü­ler hat­te ich den Film in Linz gese­hen. Bill erzähl­te mir stolz, für Squirm die Spe­zi­al­ef­fek­te gemacht zu haben, men­schen­fres­sen­de Killerwürmer.
Oder Bob Gal­lag­her. Er hat bei Das ist Ame­ri­ka mit­ge­ar­bei­tet, einer der wich­tigs­ten sho­cku­men­ta­ries. Als ich in Los Ange­les zwei Her­ren aus der Chef­eta­ge eines inter­na­tio­na­len Kon­zerns bei einer Dop­pel­con­fe­rence über fir­men­in­ter­ne Ethik, Mob­bing und sexu­el­le Beläs­ti­gung fil­men muss­te, hat er mir gehol­fen: Er hat­te ein Ate­lier, in dem ein Bestat­tungs­in­sti­tut als Kulis­se auf­ge­baut war. In der Nacht vor unse­rem Dreh haben sie dort noch Sze­nen gedreht, in denen Lei­chen durch Sex wie­der zum Leben erweckt wur­den. Wir haben mor­gens die Sär­ge raus­ge­schafft, den Raum mit ein paar Grif­fen in ein edles Ves­ti­bül umge­stal­tet, neu aus­ge­leuch­tet und die bei­den Her­ren rein­ge­setzt. Gran­di­os. Es ist ein Genuss, mit die­sen Schund­film-Vete­ra­nen zu arbei­ten. Die wis­sen genau, was sie wol­len. Lei­der ist Bob­by vor­letz­tes Jahr gestor­ben. Er war genau­so alt wie ich.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 33/2007
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