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Freitag, 23. September 2016

Es braucht Empathie

Corinne Eckenstein
Die Regisseurin Corinne Eckenstein, 52, leitet den Dschungel Wien, das Theaterhaus für junges Publikum.


Thea­ter hat mich sehr früh schon fas­zi­niert. Beim Stra­ßen­zir­kus-Fes­ti­val in Basel streun­te ich mit einer Grup­pe von Kin­dern in der Stadt her­um. Bald wur­de unse­re Kin­der­gang ins Pro­gramm ein­ge­baut, damit wir den Betrieb nicht stö­ren. Von da an habe ich selbst immer wie­der neue Thea­ter­trup­pen gegrün­det. Die ers­te, den Cir­co Zin­ga­ro, im Alter von 13. Spä­ter zog ich nach Kali­for­ni­en, um an einer Schu­le für Stra­ßen­thea­ter zu lernen.
Stra­ßen­thea­ter war mein Lebens­plan. Irgend­wann bin ich aber abge­bo­gen, um in New York eine Musi­cal-Aus­bil­dung zu absol­vie­ren. Damals fand ich her­aus, dass eine gro­ße Band­brei­te an Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten für mich essen­ti­ell ist. Als Regis­seu­rin kann ich etwas gestal­ten, etwas in die Welt set­zen. Ich kann die Schau­spie­ler anlei­ten, ihnen sagen, wie es geht. Ich war selbst auch ger­ne Schau­spie­le­rin, aber die Regie ent­spricht mei­nem Natu­rell viel besser.
Vor 25 Jah­ren kam ich nach Wien, weil ich eine künst­le­ri­sche Hei­mat such­te. Ber­lin wäre auch in Fra­ge gekom­men, da hat sich aber nie­mand für mich inter­es­siert. In Wien sind dage­gen gleich vie­le Türen auf­ge­gan­gen. Ich wur­de zu Par­ties ein­ge­la­den, konn­te beim Impuls­tanz-Fes­ti­val ando­cken und lern­te Cho­reo­gra­fen und Tän­ze­rin­nen ken­nen. Mei­nen ers­ten rich­ti­gen Auf­tritt in der Stadt hat­te ich in der Broad­way Bar, wo ich Lie­der aus den 30er Jah­ren gesun­gen und getanzt habe. Ab da reiht sich eins ans ande­re. Seit 1995 pro­du­zie­ren wir in unse­rem Thea­ter Fox­fi­re jedes Jahr meh­re­re Stü­cke für Kin­der, Jugend­li­che und Erwach­se­ne. Seit zehn Jah­ren bin ich zudem im Dschun­gel Wien als Regis­seu­rin tätig, dem Thea­ter­haus für jun­ges Publi­kum. Und dort berei­te ich mich jetzt gera­de auf mei­ne neue Rol­le vor: mit 1. Juli über­neh­me ich das Amt der Künst­le­ri­schen Lei­te­rin und Direktorin.
Wer für Erwach­se­ne Thea­ter macht, kann natur­ge­mäß viel vor­aus­set­zen. Man kennt sein Publi­kum im Wesent­li­chen. Bei Jugend­li­chen ist das anders. Man fängt immer bei Null an, man setzt nichts vor­aus. Gera­de das Publi­kum des Dschun­gel ist in jeder Hin­sicht sehr gemischt. Da braucht es Empa­thie. Jun­gen Men­schen muss man zei­gen, dass man sich für sie inter­es­siert. Man muss die Chan­ce nüt­zen, ihnen einen neu­en Blick­win­kel zu eröff­nen. Buben kön­nen dabei im Ide­al­fall erfah­ren, dass sie nicht vor­ge­fer­tig­ten Rol­len­bil­dern ent­spre­chen müs­sen, son­dern sich selbst aus­su­chen kön­nen, wie und was sie sein wol­len. Das eige­ne Lebens­al­ter spielt bei der Arbeit mit Jugend­li­chen über­haupt kei­ne Rol­le, wich­tig ist nur, dass man sel­ber wach im Hirn bleibt. Und dafür sor­gen zum Glück schon mei­ne bei­den Kinder.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 16/2016
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