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Sonntag, 01. April 2007

Einfach vor das Mikrofon

Ihu Anyanwu
Ihu Anyanwu, 33, ist in den USA und in Nigeria aufgewachsen. Nach einem halben Dutzend Ortswechseln ist sie als Sängerin und Musikproduzentin in Wien gelandet.


Ich spre­che immer noch kein Deutsch. Das brau­che ich in die­ser Stadt offen­bar nicht, jeder spricht Eng­lisch mit mir. Aber viel­leicht soll­te ich eines Tages einen Deutsch­kurs besu­chen. Jetzt kon­zen­trie­re ich mich aber erst ein­mal auf die Musik.
An einem Kon­ser­va­to­ri­um in Bos­ton bin ich als Stu­den­tin für music pro­duc­tion ein­ge­schrie­ben, ler­ne, wie das Musik­ge­schäft funk­tio­niert und was man als Pro­du­zen­tin elek­tro­ni­scher Musik so braucht. Bis zum Abschluß dau­ert es ein­ein­halb Jah­re. Das alles kann ich von Wien aus machen. Online. Ich sit­ze viel zuhau­se am Com­pu­ter und absol­vie­re ein Fern­stu­di­um. Toll.
Das Sin­gen habe ich nie rich­tig gelernt. Im Chor an der High School habe ich gesun­gen, wie man eben so singt. Eine Aus­bil­dung habe ich aber nicht. Irgend­wann fiel mir auf, dass ich stark auf Musik anspre­che. An der Rut­gers Uni­ver­si­ty lern­te ich eine Band ken­nen, die eine Sän­ge­rin such­te. Die Jungs stell­ten mir ein Mikro­fon vor die Nase – und seit­her sin­ge ich eben.
Die Musik hat mich auch nach Wien gebracht. Ende der 90er Jah­re leb­te ich in New York als Her­aus­ge­be­rin des Kunst­ma­ga­zins repel­lent. Ich woll­te dort mög­lichst vie­le unter­schied­li­che Medi­en the­ma­ti­sie­ren. Dabei stieß ich auf die Foto­gra­fen­trup­pe der Lomo­gra­phic Socie­ty. 1999, zum Lomo World Con­gress, kamen vie­le Öster­rei­cher nach New York, dar­un­ter Musi­ker wie Patrick Puls­in­ger und Erdem Tuna­kan. Die haben mich neu­gie­rig gemacht auf Wien. Als ich über Neu­jahr erst­mals in die Stadt kam, konn­te ich all die­se wun­der­ba­ren Künst­ler für mein Maga­zin inter­view­en: Elec­tric Indi­go, Tibcurl, Lou­is Aus­ten. Spä­ter habe ich in New York noch ein repel­lent-Fes­ti­val ver­an­stal­tet, eine weit­läu­fi­ge Art Expo. Bald habe ich aber gemerkt, dass mir das auf Dau­er zuviel wird. Ich muß­te mir etwas Neu­es über­le­gen. Und habe mich für die Musik entschieden.
Jetzt lebe ich in Otta­kring. Das erin­nert ein biss­chen an Bel­le­ville, einen sehr leben­di­gen und mulit­kul­tu­rel­len Bezirk in Paris, wo ich vier Jah­re lang gewohnt habe. Ja, ich füh­le mich heu­te zuhau­se in Wien. Wer sich für elek­tro­ni­sche Musik inter­es­siert, ist gut auf­ge­ho­ben in die­ser Stadt. Ich bin bei vie­len Pro­duk­tio­nen als Gast­sän­ge­rin enga­giert. Mit I‑Wolf konn­te ich arbei­ten, mit Puls­in­ger, mit Ger­hard Potuz­nik. Jetzt möch­te ich aber mehr sel­ber pro­du­zie­ren, auch weil ich dabei mei­ner Per­sön­lich­keit gerech­ter wer­de. Zwei Sin­gles habe ich schon gemacht. Mei­ne The­men? Die Lie­be, das Leben, die Lust oder ein­fach gar nichts bestimmtes.
Aus­ser­dem ver­an­stal­te ich immer don­ners­tags eine gro­ße Par­ty, The Art­klub. Da lade ich Men­schen ein, ihre Ideen zu ver­wirk­li­chen. Ich bin die Kura­to­rin. Es gibt kein Geld. Aber einen Raum und die nöti­ge Tech­nik. Das muss reichen.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 14/2007
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