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Mittwoch, 25. Juli 2007

Der Tenor singt Karaoke

Mitchell G. Ash
Mitchell G. Ash, 59, lebt als Universitätsprofessor in Wien. Beinahe hätte er eine Karriere als Opernsänger eingeschlagen.


An den Tag mei­ner Berufs­wahl kann ich mich genau erin­nern. Es war Anfang der acht­zi­ger Jah­re, ein kal­ter Regen­tag in Ber­lin. Bis dahin hat­te ich ver­sucht, zwei Beru­fe aus­zu­üben. Ich habe Geschich­te stu­diert und bin als Sän­ger für Oper und Lied aus­ge­bil­det. Ich hat­te bereits an meh­re­ren Opern­häu­sern in klei­nen Tenor­par­tien gesun­gen und so mein Stu­di­um mit­fi­nan­ziert. Die­se pro­fes­sio­nel­len Auf­trit­te ermög­lich­ten ein pas­sa­bles Aus­kom­men. Nur war die Kom­bi­na­ti­on auf Dau­er lei­der nicht halt­bar. Und so habe ich damals gemacht, was Kar­rie­re­pla­ner heu­te den Men­schen anra­ten: eine Best Case/​Worst Case-Analyse.
Als Sän­ger hät­te ich es im aller­bes­ten Fall zu einem Ver­trag im Ensem­ble eines Opern­hau­ses brin­gen kön­nen. Die Chan­cen, dass dies tat­säch­lich pas­sie­ren wür­de, waren aller­dings beschei­den. Im schlimms­ten Fall hät­te ich mei­ne Kar­rie­re als wenig beach­te­ter com­pri­ma­rio in Hil­des­heim beschlos­sen. Ich wäre also die Figur mit dem Speer gewe­sen, deren Auf­tritt genau einen Satz lang dau­ert: „Der König kommt“. Gemes­sen dar­an schien in einer aka­de­mi­schen Kar­rie­re selbst der Worst Case para­die­sisch: eine net­te Pro­fes­sur an irgend­ei­nem klei­nen Col­lege in den USA. Nach­dem ich nun seit fast zehn Jah­ren als Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te mit Schwer­punkt Wis­sen­schafts­ge­schich­te in Wien tätig bin, hat sich mei­ne Ent­schei­dung als rich­tig erwie­sen: Der Ver­stand hat über das Herz gesiegt. Dass in den Vor­le­sun­gen natur­ge­mäß auch das Per­for­ma­ti­ve eine gewis­se Rol­le spielt, kommt mir entgegen.
Ich höre immer noch sehr ger­ne Musik. Alte Musik, Barock­mu­sik, aber auch Ver­di oder Mahlers Ach­te, wenn mir etwas depres­siv zumu­te ist. Die gro­ßen Schin­ken gefal­len mir ein­fach am bes­ten. Gele­gent­lich sin­ge ich auch noch. Zuletzt bin ich auf einer Geburts­tags­fei­er für drei Kol­le­gin­nen auf­ge­tre­ten: Sie haben eine Karao­ke-Anla­ge auf­ge­stellt, und ich habe das Reper­toire aus mei­ner Jugend durch­ge­macht: Elvis, die Ever­ly Brot­hers, Bob­by Dar­ins Ver­si­on von „Mackie Mes­ser“. Mit Fug und Recht kann ich behaup­ten: das Publi­kum war nicht schlecht erstaunt.
Frei­tag­abends sin­ge ich beim Got­tes­dienst. Ich bin Cha­zan bei Or Cha­dasch, also Kan­tor der ein­zi­gen libe­ra­len jüdi­schen Syn­ago­ge in Wien. Das dau­ert etwa eine Stun­de. Anschlie­ßend gibt es noch Oneg Shab­bat, die Freu­de des Shab­bat. Wein und Brot wer­den geseg­net. Wir neh­men eine Klei­nig­keit zu uns und plau­dern eine hal­be Stun­de. Das ernst­haf­te Ler­nen fin­det am Sams­tag statt, wenn unser Rab­bi­ner da ist. Für mich ist die Arbeit in der Gemein­de eine Chan­ce, See­le und Stim­me zu ver­bin­den. Der Frei­tag­abend bedeu­tet mir also sehr viel.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 30/2007
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