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Freitag, 13. März 2009

Der mit dem Possum tanzt

Helge Parsch
Der Grafikdesigner Helge Parsch, 66, ist vor zwei Jahrzehnten ausgewandert, um neu zu beginnen.


Wie vie­le ande­re Men­schen auch haben mei­ne Frau und ich in unse­ren frü­hen Vier­zi­gern öfter vom Aus­wan­dern gespro­chen. Ich war Teil­ha­ber eines gut­ge­hen­den Wie­ner Wer­be­stu­di­os und frag­te mich, ob das schon alles gewe­sen sein könn­te. Der Erfolg der poli­ti­schen Rech­ten schür­te unse­ren Unmut. Schließ­lich gab eine Gemenge­la­ge aus Tscher­no­byl-Angst, Wald­heim-Skan­dal und Aben­teu­er­lust den Aus­schlag: Mit unse­ren Kin­dern, sie waren damals sie­ben, elf und 15 Jah­re alt, sowie der 75jährigen Schwie­ger­mut­ter mach­ten wir uns vor gut zwan­zig Jah­ren auf die Reise.
Heu­te sind wir Welt­bür­ger mit aus­tra­li­schen Päs­sen. Aus den Kin­dern sind eine Ärz­tin, eine Desi­gne­rin und ein His­to­ri­ker gewor­den. Mei­ne Frau und ich betreu­en als „Uncle Heck“ und „Aunt Sil­via“ am Syd­ney Design Col­lege Stu­die­ren­de aus aller Welt. Auf­grund unser Leis­tun­gen wur­de uns als Desi­gnern ein Ehren­di­plom ver­lie­hen. In die­sen Tagen beschäf­ti­gen uns neben den Abschluss­fei­er­lich­kei­ten am Col­lege aber vor allem Revier­kämp­fe mit den Pos­sums, die­sen klei­nen aus­tra­li­schen Beu­tel­tie­ren. Die wol­len die Holz­ter­ras­se vor unse­rem Haus über­neh­men. Die Pos­sums sind zwar pos­sier­lich, aber auch heim­tü­ckisch, laut und frech. Wenn nötig, ver­trei­ben wir sie mit Wassergüssen.
Wir leben mit­ten in der Natur in Ava­lon, einem sehr grü­nen Stadt­teil an den Nor­t­hern Bea­ches, die durch die Fern­seh­se­rie „Bay Watch“ welt­be­kannt gewor­den sind. Wir füt­tern Regen­bo­gen­pa­pa­gei­en und Kooka­bur­ras, eine Eis­vo­gel­art, die man im Deut­schen Lachen­der Hans nennt.
Anfang der sieb­zi­ger Jah­re brach­te ich mit Freun­den die Pop­zeit­schrift „Play­back“ her­aus. Das Maga­zin wur­de rasch wie­der ein­ge­stellt, doch ver­half es mir beim Neu­start in Syd­ney zu mei­nem ers­ten Job. Es war für die Aus­tra­li­er optisch so anspre­chend, dass man mir prompt die Art­di­rek­ti­on für das Stadt­ma­ga­zin „syd­ney inc.“ über­trug. Damals waren die Aus­tra­li­er in Sachen Gestal­tung noch nicht so selbst­be­wusst. Sie glaub­ten, dass euro­päi­sches Design grund­sätz­lich bes­ser sei als das eige­ne. Das hat sich längst geändert.
Kaum eine ande­re Stadt ist so auf ihren Auf­tritt bedacht wie Syd­ney. Ob man das Hafen­vier­tel Dar­ling Har­bour als Bei­spiel nimmt, das in sei­ner Syn­the­se aus Him­mel, Was­ser und Licht zu einem Anzie­hungs­punkt für Archi­tek­ten aus aller Welt gewor­den ist. Oder die Mode­wo­che in Syd­ney, die aus­tra­li­sche Strand­kul­tur in alle Welt expor­tiert. Aus­tra­li­sches Design ist ten­den­zi­ell beson­ders leicht, lebens­lus­tig, far­big und som­mer­lich. Gera­de in der aktu­el­len Welt­wirt­schafts­kri­se tut das gut.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 02/2009
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