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Freitag, 26. Januar 2007

Der Mensch ist kein Baum

Boris Buden
Boris Buden, 47, war Jugoslawe, wurde österreichischer Staatsbürger und bleibt Kroate. Mit seiner Familie zieht er als Wissenschaftsnomade durchs Leben.


Drin­nen? Draus­sen? So ein­fach ist die Sache nicht. Ich bin 1990 aus Zagreb nach Wien gekom­men. Zehn Jah­re habe ich als Aus­län­der in Öster­reich gelebt, ein ech­ter Jugo also. Über mei­ne Staats­bür­ger­schaft habe ich mir damals kaum Gedan­ken gemacht. An das Pro­jekt der kroa­ti­schen Unab­hän­gig­keit habe ich aller­dings nie geglaubt. Indem ich das mehr­fach kund­ge­tan habe, bin ich mit der intel­lek­tu­el­len Eli­te Kroa­ti­ens hef­tig anein­an­der­ge­ra­ten. Erst dabei däm­mer­te mir, dass ich kein kroa­ti­scher Staats­bür­ger sein will. Also wur­de ich Öster­rei­cher. Und zwar ohne dop­pel­ten Boden: Ich hab einen neu­en Pass bekom­men und den alten zurück­ge­ge­ben. Kurz dar­auf habe ich Wien ver­las­sen. So bin ich nun Öster­rei­cher im Ausland.
Mei­ne Frau ist Deut­sche, trägt einen japa­ni­schen Vor­na­men und einen öster­rei­chi­schen Nach­na­men. Ihre Mut­ter stammt aus Japan, die Fami­lie ihres bay­ri­schen Vaters aus der Stei­er­mark. Nun haben mei­ne kroa­ti­schen Vor­fah­ren hart an der slo­we­ni­schen Gren­ze gelebt, die ursprüng­lich die Gren­ze zur Süd­stei­er­mark war. Man könn­te also sagen, dass wir unse­re gemein­sa­men Wur­zeln an die­ser Gren­ze gefun­den haben. „Komm mit nach Varas­din …“, könn­te ich mit dem Buf­fo in Kál­máns Ope­ret­te „Grä­fin Mari­za“ singen.
Aller­dings glau­ben wir bei­de nicht an die­ses Wur­zel­ge­re­de. Der Mensch ist kein Baum, hat Vilem Flus­ser tref­fend gesagt. Wir leben in der Welt, in Euro­pa. Als Frei­be­ruf­ler ver­die­nen wir unser Geld in der Kunst- und Kul­tur­bran­che, wir füh­ren also ein Noma­den­le­ben. Wir zie­hen von einem Job zum ande­ren, von einem Kul­tur­in­sti­tut zur nächs­ten Uni­ver­si­tät. Von Lon­don nach Sara­je­vo. Oder, gera­de heu­te, von Ber­lin nach Stock­holm. All das unter moder­nen pre­kä­ren Arbeits­um­stän­den, ohne siche­re Zukunft und ohne tou­ris­ti­sche Sorglosigkeit.
Vor einem Jahr ist unse­re Toch­ter Esme in Lon­don zur Welt gekom­men. Als wir Groß­bri­tan­ni­en ver­las­sen woll­ten, brauch­ten wir drin­gend Doku­men­te für sie und haben uns an die deut­sche Bot­schaft gewandt. Für die deut­sche Staats­bür­ger­schaft fehl­te aller­dings ein Papier. Weil unse­re Woh­nung bereits gekün­digt war, konn­ten wir dar­auf nicht war­ten. So gin­gen wir in unse­rer Ver­zweif­lung zur öster­rei­chi­schen Bot­schaft neben­an, wo eine net­te Dame mit Blick auf unser Baby kon­sta­tier­te: „Ah, Sie haben also kei­ne Doku­men­te für die Klei­ne. Dann schaum­ma halt ein­mal.“ Ich war erleich­tert, weil von da an klar war, dass Esme Öster­rei­che­rin wer­den wür­de. Genau­er gesagt: eine Öster­rei­che­rin im Aus­land. In ihren ers­ten zwölf Mona­ten hat sie 15 Staa­ten bereist. Sie ist eine öster­rei­chi­sche Weltbürgerin.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 16/2006
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