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Freitag, 07. Dezember 2007

Der letzte Auftritt

Grant McDaniel
Der 61jährige Grant McDaniel lebt seit elf Jahren als Choreograf und Tanzlehrer in Wien. Jetzt will er noch einmal auf die Bühne.


Ich bin zwar in Ohio auf­ge­wach­sen, leb­te aber immer in dem Gefühl, Euro­pä­er zu sein. Ich habe auch kei­nen aus­ge­präg­ten ame­ri­ka­ni­schen Akzent. Als ich noch ein Kind war, dach­ten die Leu­te oft, ich käme aus Über­see. Spä­ter habe ich zehn Jah­re lang als Tän­zer in Kana­da gelebt. Eine Hepa­tits setz­te mich für Mona­te außer Gefecht. Soll­te es mir jemals wie­der bes­ser gese­hen, schwor ich mir damals, wür­de ich nach Euro­pa über­sie­deln. Und so ließ ich eines Tages eine sehr erfolg­rei­che Kar­rie­re als Tän­zer und eine fünf Jah­re andau­ern­de Lie­bes­be­zie­hung zurück, um mit zwei Taschen nach Mai­land zu flie­gen. Gleich bei der Ankunft hat­te ich das Gefühl, zum ers­ten Mal frei atmen zu kön­nen. Als ich spä­ter nach Sizi­li­en kam, war ich total über­wäl­tigt. Ich muss­te mich bemü­hen, nicht den Boden zu küssen.
In 13 lan­gen Jah­ren habe ich her­aus­ge­fun­den, dass Ita­li­en nicht das Land ist, in dem ich leben möch­te. Paler­mo, wo ich Tanz unter­rich­te­te, saugt einen aus. Die Stadt ist wie ein gewalt­tä­ti­ger Lieb­ha­ber. Öster­reich dage­gen ist ein guter Platz zum Leben. Wien ließ mich von Anfang an ich sein. Die Stadt ist so groß­zü­gig, dass sie mir erlaubt, Eng­lisch zu spre­chen. Beschämt muss ich geste­hen, bis jetzt nicht Deutsch gelernt zu haben.
In die­sen Tagen arbei­te ich sehr hart, weil ich wie­der tan­zen möch­te. Ich will noch ein­mal auf die Büh­ne. Im Früh­jahr wer­de ich in dem Zwei-Per­so­nen-Stück As time goes by auf­tre­ten. Mit der Regis­seu­rin Anna Hau­er und mei­ner Tanz­part­ne­rin Gabrie­le See­leit­ner will ich her­aus­fin­den, was Zeit und Alter einem Tän­zer antun. Ist es zuläs­sig, dass eine 47jährige Tän­ze­rin und ein 61jähriger Tän­zer noch vor Publi­kum auftreten?
Manch­mal mach ich mir fast in die Hosen vor Angst. Ande­rer­seits lie­be ich die Arbeit an die­sem Stück. Ich mache das ja, weil es Men­schen sehen sol­len. Ich will, dass es ein Erfolg wird. Es könn­te mein letz­ter gro­ßer Auf­tritt werden.
Ich habe erst mit 23 Jah­ren zu tan­zen begon­nen. Damals hieß es, ich sei zu alt, aus mir kön­ne man kei­nen pro­fes­sio­nel­len Tän­zer mehr machen. Mit Ehr­geiz habe ich die­ses Vor­ur­teil über­wun­den. Spä­ter habe ich Dut­zen­de Schü­ler hart ran­ge­nom­men. Ich ent­wi­ckel­te eine Metho­de, die es erlaubt, aus gereif­ten Kör­pern ernst­haf­te Tän­zer zu for­men. Heu­te kommt mir das zugu­te. Ich unter­rich­te täg­lich meh­re­re Stun­den und mache alles mit. Manch­mal arbei­te ich an den Gewichts­ma­schi­nen und mache Was­ser­trai­ning. Das Pro­blem in mei­nem Alter ist der Mus­kel­ab­bau. Ande­rer­seits kann ich heu­te Din­ge tun, die ein jun­ger Tän­zer so nicht zustan­de bringt. Mein Bewe­gun­gen sind öko­no­mi­scher gewor­den. Mein Ober­kör­per ist fle­xi­bel wie nie zuvor. Und mein Gleich­ge­wichts­sinn ist bes­ser entwickelt.

auf­ge­zeich­net von ES; ver­öf­fent­licht in: Die Zeit, Nr. 50/2007
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